Die Kartoffel und das Märchen vom dummen Bauern – eine Argumentationshilfe

„Was, Kartoffeln? Was haben Kartoffeln denn mit dem 14. Jahrhundert zu tun?“, fragt ihr euch vielleicht.

Nicht viel, aber in der Geschichtsvermittlung kommt man halt echt oft mit dem Thema in Berührung, wenn man über Ernährung und Kochen spricht.

Konkret mit der Frage, warum sie sich denn so lange nicht im großen Stil durchgesetzt hat (im Deutschsprachigen Raum). Und da ich da jüngst erst wieder darüber gesprochen habe, wollte ich hier für mich selbst und für euch eine kleine Argumentationshilfe für die Vermittlungstätigkeit zusammenstellen mit – Achtung – einer für absolute Laien verständlichen, vereinfachten Darstellung verschiedener größerer Faktoren.

 

Üblicherweise wird man von Besuchern mit der Idee konfrontiert, dass
a) Man nicht wusste, dass man die Knolle und nicht die Früchte isst und dass man sie kochen muss
b) Die Kirche gegen das Gemüse war, weil es als aphrodisierend galt und Sex ist ja eine Sünde

Tatsächlich mag das gelegentlich mal so passiert sein, wir kennen auch Berichte davon, dass zB Vieh das grüne oberirdische Kraut der Kartoffel verfüttert wurde, welches dann verstarb und wissen, dass sich einige christliche religiöse Gemeinschaften gegen den Anbau der Kartoffel wandten, weil sie nicht in der Bibel erwähnt war, ABER natürlich ist die Geschichte der Einführung der Kartoffel nicht so einfach. Es gibt nicht DEN EINEN Grund, warum die Kartoffel sich nicht so schnell durchsetzte.  Und schon gar nicht lautet der Grund „Öhöhö, die warn ja soooo doof damals, die wussten ja nicht mal, welchen Teil der Pflanze man essen musste!“
Je nach Zeitraum und Region kamen da viele Komponenten zusammen, die während dieser 200 Jahre die Einführung der Kartoffel zumindest hinausgezögert oder erschwert haben, bis „Der Alte Fritz“ (Friedrich II) 1756 den Tag gerettet hat (nachdem die Kartoffel übrigens in anderen Ländern wie Irland bereits 150 Jahre lang angebaut wurde), in dem er die doooofen Bauern ausgetrickst hat mit seinen Wachen aufm Feld, die vorher ja keine Ahnung hatten, was sinnvoll ist.

Wird man mal dieses wirklich alberne Vorurteil vom dummen Bauern los und betrachtet ihn als Geschäftsmann, der sein Handwerk verstand, der sein Land und seine Umwelt genauestens kannte und wusste, wie man darin ertragreich wirtschaftet, der nicht nur sich selbst sondern eine ganze Familia samt Gesinde oder gar eine ganze Dorfgemeinschaft versorgen musste, der seine Ausgaben und Abgabenverpflichtungen im Auge behalten musste, dann kommt man nämlich zu einem sehr viel sinnvolleren Weg zu denken.

 

1. Klimatische Bedingungen

Man kann nicht einfach eine Kulturpflanze aus den Südamerikanischen Anden in Mitteleuropäischen Klimaverhältnissen einsetzen und erwarten, dass alles gleich läuft. Diese frühen, jahrtausendelang von den Südamerikanischen Ureinwohnern auf die dortigen Klimaverhältnisse hingezüchteten Sorten des Nachtschattengewächses waren die langen, sonnenreichen Tage des Sommers in Mitteleuropa nicht gewohnt, sie brauchten Wuchszeiten mit weniger langem Tageslichteinfall, um wirklich dicke Knollen auszubilden und hatten im Herbst zwar dann ideale Bedingungen aber zu wenig Reifezeit, bis der Frost einbrach.
Die Ernten fielen also im deutschsprachigen Raum nicht gerade reich aus bei den ersten Anbauversuchen.
Hier brachten spätere Züchtungen und besonders die Einkreuzungen von chilenischen Sorten, die längere Tage gewohnt waren, erst wirklich ertragreiche Sorten hervor. Die heutige Kartoffel gibt es eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert. Eher sonnenreiche Gebiete mit fruchtbarem Boden wie Deutschland oder Frankreich mit gutem Getreideertrag sahen somit keine Dringlichkeit, ihre gewohnte Versorgung mit Getreide durch die neue, weniger ertragreiche Kartoffel zu ersetzen. Dagegen setzte sich allerdings in südeuropäischen Ländern die Kartoffel schneller durch, weil diese eben mildere Winter und dadurch längere Reifezeiten mit kürzeren Tageslichtrhythmen gewährleisten konnten. Auch in alpinen Gebieten und im kargen Irland setzte sich die Kartoffel schneller durch, weil dort Getreide ohnehin keinen allzu reichen Ertrag brachte, weil wenig fruchtbarer Boden und wenig Sonne vorhanden war und die Kartoffel im Vergleich viel mehr lohnte als Getreide.

 

2. Solaningehalt

Aufgrund der oben beschriebenen zu frühen Ernte vor dem Winter besassen die kleinen Knollen nicht die benötigte Reife, sie wiesen noch einen hohen Solaningehalt auf, der Halskratzen, Magenschmerzen und Schweißausbrüche verursachte, selbst wenn die Knollen ausreichend gekocht wurden.
Tatsächlich lag es also nicht daran, dass eine mit Knollen- und Wurzelgemüsen seit Jahrhunderten vertraute Bevölkerung in 200 Jahren nicht wusste, dass man nicht die Früchte, sondern die Knollen der Pflanze essen muss und sie dafür auch kochen muss, sondern daran, dass auch die Knollen einfach keine idealen Wachsbedingungen hatten und Vergiftungen hervor riefen. Und weil der Bauer halt nun mal arbeiten muss mit dem Land, das er hat, wo sich Klima, Boden und Tageslichfrequenz auch nicht so schnell ändern wird, war es sinnlos, dieses Gemüse dort anzubauen.

 

3. Dreifelderwirtschaft, Zelgenwirtschaft und Flurzwang

Die Kartoffel traf bei ihrer Ankunft in Europa auf ein bereits Jahrhunderte etabliertes Anbausystem der Landwirtschaft, die mit einer recht strikten Abfolge von Feldfrüchten im Dreijahresrythmus (Wintergetreide, Sommergetreide, Brache) die vorhandenen Bodenressourcen ideal nutzte. Die Anbaufrüchte wechselten sich ab und jede Bewirtschaftungseinheit entzog bzw. gab dem Boden Nährstoffe, so dass die darauf folgende Frucht einen idealen Boden vorfand. Die Brache, also das Jahr, in dem ein Feld still lag, diente als Weide für das Vieh, das Dünger für die Felder lieferte. Da ließ sich nicht einfach eine neue Feldfrucht einführen in diesen Ablauf.
Dazu kam im Hochmittelalter die sogenannte Zelgenwirschaft, wo sich Bauern zusammentaten und ihre Felder gemeinsam bewirtschafteten, was Synergien bei Anbau und Ernte und eine bessere Ausnutzung der Bodenfläche bewirkte (die Zelgen, also Bereiche wie Wege zwischen den Grundstücken oder Grundstücks-Ecken, wo man nicht gut hinkommt, wurden damit minimiert, die Anbaufläche maximiert). Und auch der sogenannte Flurzwang, also eine von der Verwaltung einer Gemeinde vorgegebene Anbaufolge für die Landwirtschaftlichen Flächen, das den Wettbewerb unter Bauern ein wenig befriedete und der Zerteilung und damit unwirtschaftlicheren Bewirtung von Land durch Erbschaft mehrerer Söhne entgegenwirkte, machte das Anbausystem schwerfälliger bei der Reaktion auf Neuerungen.
Menschen zu überzeugen, in dieses System eine neue Frucht hineinzuquetschen, die bestimmte Nährstoffe aus dem Boden nimmt, die man für die bereits etablierten Feldfrüchte braucht und die das gesamte System über den Haufen werfen würde, was nicht nur eine, sondern mehrere Fehlernten bedeuten konnte und damit ein Risiko für die Ernährungsgrundlage einer gesamten Dorf-Gemeinschaft bedeutete, hat eben gedauert. Die initiale Hürde war groß.

 

4. Technische Umsetzung

Kartoffeln brauchen eine andere Lagerung als Getreide, sie sind frostempfindlich sowohl auf dem Feld als auch im Lagerraum und brauchen bei Anbau und Ernte einen deutlich aufwändigeren, arbeitsintensiveren Prozess als Getreide. Das umzustellen kostete neues Equipment, mehr Arbeitskraft und Geld, also ein Investment, das nicht jeder Landwirt aufbringen konnte.

 

5. Noch ein paar Worte zu Vorurteil B, die böse Kirche

Grundsätzlich würde ich ja immer davon abraten, einfach ohne Eigenrecherche etwas zu glauben, woran „die Kirche“ schuld sein soll, weil sie angeblich so prüde, machtbesessen etc. ist, aber von kirchlichen Vorgaben hat sich ja auch zuvor nicht jeder abhalten lassen, irgend etwas zu tun. Tatsächlich spielte „die Kirche“ aber an unterschiedlichen Stellen des Einführungsprozesses ganz unterschiedliche Rollen. An einer Stelle prozessierte sie gerichtlich gegen Bauern, die ihren Getreidezehent umgehen wollten mit dem Anbau von Kartoffeln, weil diese nicht in den Verträgen für die Zehentabgabe erfasst waren, an anderer Stelle predigte sie gegen die Kartoffel, aber kirchliche Einrichtungen führten auch die ersten Rezepte für Kartoffelgerichte im frühen 17. Jahrhundert und Friedrich II. verdankte den durchschlagenden Erfolg seines „Kartoffelbefehls“ nicht zuletzt einer breit angelegten Kampagne der ländlichen Pastoren, die in Predigten zum Kartoffelanbau aufriefen und Pionierarbeit im Anbau in ihren Gemeinschaften leisteten, indem sie selbst anbauten. Wie immer gilt also: „Die Kirche“ existiert nicht und Nuancen sehen ist wichtig. Interessanterweise waren andere christliche Religionsgemeinschaften (vorrangig Protestantische) wie zB die Waldenser, die im eher bergigem Gebiet des Piemont lebten enorm früh auf den Kartoffelzug aufgesprungen und halfen bei der späteren Verbreitung mit.

 

Ja, so ist das teilweise auch gewesen mit der Kartoffel. Bei den Weiterleseempfehlungen habe ich noch einige interessante Facts zur Geschichte der Verbreitung der Kartoffel dabei, denn natürlich ging es noch einmal nuancierter, als ich das hier erklären kann zu. Ich schließe also mit unserem Freund Boromir:

 

 

 

Zum Weiterlesen:

Die Aufklärungszeit der Kartoffel

The origins and adaptation of European potatoes reconstructed from historical genomes

Der Kartoffelbefehl

Geschichte der Kartoffel in Europa

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