Unsere Seite funktioniert leider erst ab einer Auflösung von 1024x768 Pixel.

Zur mobilen Version wechseln

English Version

Konstruktion eines Männerrocks um 1350

Vielleicht erinnert ihr euch ja, dass ich euch hier schon einmal gezeigt hatte, wie man einen Damenkittel nach den Herjolfsnesfunden an sich selbst anpasst. Etwas ähnliches möchte ich jetzt für einen Herrenrock nach Art der Mitte des 14. Jhdt in Wien versuchen.

Ein paar Textpassagen habe ich sogar 1:1 übernommen, weil sie sich bewährt haben 😉

Das Modell entspricht in etwa dem Fund Herjolfsnes Nr. 33, welches wie im Original vorliegend vom Zuschnitt her ein einfaches Standardmodell für einen Rock in diesem Zeitraum ist. Meine Skizze bzw.der kürzlich für Renger fertiggestellte Rock ist allerdings auf die österreichischen Abbildungen um 1350 herum angepasst und wurde daher z.B. am Ausschnitt und an den Ärmeln im Bereich des Handgelenks mit Knöpfen versehen. Für einfache Darstellungen aus diesem Zeitraum empfehle ich es, mit Knöpfen an diesen Stellen noch eher sparsam umzugehen. Meist finden sich auf Abbildungen um 1340/50 herum in unserem Raum etwa 3-5 Stück abgebildet.

Ich habe also einmal versucht, euch ein Schema aufzuzeichnen, das erklärt, welche Maße man wo einfügen muss, um am Ende ein passendes Kleidungsstück zu erhalten. Die Erstellung des Schnitts ist nicht schwer, allerdings empfehle ich Nähanfängern, zunächst ein Probekleid aus billigem Stoff mit der Maschine zu machen, um etwaige grobe Fehler vorzubeugen, wenn ihr in den teuren Wollstoff schneidet, bzw. evtl. mit einer zweiten Person zusammenzuarbeiten.

Den Stoffverbrauch würde ich zwischen 3 und 4 Metern je nach Körpergröße und gewünschter Rockweite einschätzen.

Mit dem Schnitt könnt ihr aus Leinen übrigens mit leichter Vereinfachung (Mittelgeren vorne/hinten weglassen!) auch relativ einfach einen Kittel nähen. Achtet nur darauf, dass der Halsausschnitt entsprechend so geschnitten wird, dass er unter dem Rock anschließend nicht mehr sichtbar ist.

Maßnehmen am Besten in Unterwäsche, noch besser in historischer Unterwäsche, um auch dem Volumen des Pfaits und der Bruche Rechnung zu tragen.

Maße (Nahtzugaben nicht vergessen):

A = Schulterbreite (von einer Schulterkugel zur anderen)
B = Länge Schulter – Knie
C = Halber Oberarmumfang
D = Länge Achsel – Taille (schmalste Stelle des Oberkörpers, ca beim Nabel)
E = Länge Taille – Knie
F = Umfang des Ellbogens wenn der Unterarm angewinkelt ist
G = Voller Oberarmumfang
H = Länge des Oberarms
I = Länge des Unterarms
J = Umfang des Handgelenks
K = Differenz zwischen Oberarmumfang und Größe der Armöffnung nach Schneiden der Armkugel
L = 10-15 cm, maximum aber H

Wir beginnen mit dem Hauptteil des Rocks, also einmal ohne die Ärmel, die erst danach eingesetzt werden.

20140122174645_00001

(Bitte auf die Bilder klicken für eine größere Ansicht)

Als erstes schneidet ihr den Vorder- und Rückteil. Noch ohne die Armkugel!
Ihr braucht vom rechteckigen Hauptteil und von den Geren jeweils 2 Ausgaben, so dass wir am Ende für den Korpus 10 Teile haben. ACHTUNG: Bei manchen Stoffbindungen, Stoffarten bzw. Musterungen ist es wichtig, dass ihr beachtet, welche Seite am Ende außen ist, dann müsst ihr die Teile spiegelverkehrt machen bzw. bei Musterungen im Bedarfsfall entsprechend „fließende“ Übergänge beachten!

Die Geren schneidet ihr am besten aus je einem Rechteck, das ihr diagonal teilt, so funktioniert es historisch und es spart Verschnitt.
Wenn die Seitengeren beim Zusammenstecken länger sind als der Brust- und Rückenteil oder umgekehrt, nicht verzweifeln, den Saum schneidet ihr ganz am Schluss zu einer entsprechend wohlgeformten Rundung (am Besten mit Hilfe von jemand, der euch, wenn ihr aufrecht auf einem Schemel steht, den Saum am Körper kürzt). Dann näht ihr erst mal den Korpus zusammen.

Durch die Seitengeren werden sich automatisch bereits kleine Rundungen in den Armlöchern gebildet haben, es ist aber vermutlich nötig, sie noch ein bisschen zuzuschneiden zu einer schönen gleichmäßigen Rundung wie ihr sie hier auf der Zeichnung seht.

Auch die Ärmel bitte zuerst so zuschneiden wie hier oben gezeigt, mit den Maßen des Arms, (am Oberarm darf der Ärmel etwas weiter sitzen, am Unterarm dafür eng) also mit geraden Kanten, denn jetzt kommt der Schmeh.

Für den Zuschnitt des Ärmels hab ich die Grafik von der Damenklamotte geklaut, denn das Prinzip ist hier auch das gleiche.

Die Ärmel werden zunächst wie in meiner Zeichnung (also ohne Rundungen oben) aufgezeichnet zugeschnitten, dann zusammengesteckt (Ärmel Zustand 1) und folgendermaßen unter den Rock gelegt:

Dann schneidet ihr einfach die Rundung entlang des Armloches in den Ärmel hinein. Wenn ihr sie dann wieder auseinanderfaltet, solltet ihr genau die Form haben, die der Originalschnitt aufweist (Ärmel Zustand 2). Das haben wir übrigens auch erst durch probieren heraus gefunden.

Wenn ihr Knöpfe machen wollt als Orientierungshilfe: Die Knopfleiste sollte quasi eine Verlängerung der Außenkante des kleinen Fingers darstellen.

Als Tipp: Um einen gleichmäßigen Halsausschnitt zu bekommen empfiehlt sich das Zeichnen der Linie mithilfe eines ovalen oder runden Tellers, je nach Bedarf der Ausformung.

Wenn ihr dann auch noch das viele Nähen und Versäubern hinter euch gebracht habt, könnt ihr vielleicht bald so aussehen.

Ich hoffe, alles ist verständlich, bei Fragen bitte jederzeit melden, ich helfe gerne auch persönlich aus!

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
wpDiscuz