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Homosexualität im Mittelalter

Liebe Leser,

ein aktuelles Thema begleitend (der Pride Week Wien), befassen wir uns heute einmal mit einem speziellen Thema.

In der Antike war Homosexualität keineswegs verwerflich, wenn sie einvernehmlich erfolgte. Homosexuelle Handlungen wurden sowohl auf weiblicher wie auch auf männlicher Seite toleriert, teilweise sogar kultisch genutzt. Besonders hervorzuheben ist hier das antike Griechenland, wo sexuelle Kontakte zwischen Männern eine Art „Initiationsritus“ darstellten, mit dem junge Männer in die „gute Gesellschaft“ eingeführt wurden. Man kann hier aber von einer häufigen bisexuellen Neigung ausgehen, da diese Art der Homosexualität meist sexuelle Kontakte mit Frauen und Eheschließung mit Frauen nicht ausschloss. Fremdgehen war hier egal mit wem noch ein gesellschaftlich geduldeter Akt.

Wie ihr sicher richtig vermutet, ist die Tabuisierung von Homosexualität historisch parallel verlaufend mit dem Phänomen jüdischer/christlicher Glaube.

Nach der Bibel ist der Mensch ein Geschöpf Gottes, geschaffen in einem dualen System (Mann und Frau). Die ersten beiden Menschen, Adam und Eva existieren als Paar, aus dem die Menschheit hervorgeht (wie auch immer sie das mit 2 Söhnen gemacht haben :-)). Für den jüdischen bzw christlichen Mensch ist also diese Dualität der Ursprung der Menschheit, sich konform dieses Musters zu verhalten, bedeutet gleichermaßen, der Natur und damit Gottes Willen zu entsprechen. Alles, was diesem Bild nicht entspricht, ist „widernatürlich“ (das widernatürliche Laster, vitium contra naturam).
Dabei ist allerdings anzumerken, dass nicht nur Homosexualität, sondern auch diverseste sexuelle Praktiken zwischen Mann und Frau verurteilenswürdig waren. Lust an sich war verwerflich. Sexuelle Kontakte wurden nur als Mittel zur Fortpflanzung gebilligt. Alle diese Praktiken (Analverkehr, Oralverkehr, Onanie usw) fielen unter den Begriff „Sodomie“ (oder vitium sodomiticum, ableitend von der biblischen Stadt Sodom). Heute versteht man unter diesem Begriff nur noch den Verkehr mit Tieren.

Wichtig ist übrigens, dass Liebe ohne sexuellen Kontakt in keinster Weise als verwerflich galt. Romantische Beziehungen zwischen Männern und Männern oder Frauen und Frauen, Händehalten, im selben Bett schlafen, Küssen und Umarmen waren keine widernatürlichen Handlungen, sondern fielen unter die Kategorie „Freundschaft“. Eine besondere Form einer  gleichgeschlechtlichen Beziehung, die Schwurbruderschaft (in der orthodoxen Kirche: Adolphopoiesis) stand sogar unter kirchlichem Segen.

Ein Beschluss des Konzils von Paris 829 sah folgende Bestrafungen für sodomistische Delikte vor:
Diejenigen, die sich durch ein irrationales Delikt der Unzucht befleckt haben, das heißt mit Tieren Geschlechtsverkehr praktiziert oder Inzest mit dem Blut des Verwandten begangen oder sich mit Männern befleckt haben, sollen folgende Buße erhalten:
Wenn sie unter 20 Jahre sind und ein derartiges Delikt begangen haben, sollen sie 15 Jahre Buße tun. Wenn sie über 20 Jahre alt sind und Ehefrauen haben und in derartige Sünde gefallen sind, tun sie 25 Jahre Buße. Wenn sie jedoch Ehefrauen haben und über 50 Jahre alt sind, erhalten sie die Gnade des Lebens in Gemeinschaft erst am Ende ihres Lebens wieder.“

An diesem Beschluss sieht man recht gut, in welche menschlichen Kategorien Homosexualität eingeordnet wurde.

Bis ins 13. Jhdt waren jedoch trotz vieler kirchlicher Stimmen gegen die Sodomie und trotz der Darstellung der Homosexualität als kirchliche Sünde (und den damit einhergehenden religiösen Strafen wie Exkommunikation, Verwehrung der Kommunion etc), keine weltlichen Bestrebungen zu erkennen, Homosexuelle zu verurteilen und bestrafen. Mit den großen Kreuzzügen aber bildete sich, nicht letztlich auch durch das Einwirken der Kirche, ein großes gemeinschaftliches Verständnis der europäischen und christlichen Bevölkerung heraus, für die Dinge, die fremd, nicht-christlich und damit verboten waren. Durch eine Politisierung des christlichen Glaubens – immerhin ging es bei den Kreuzzügen oft nicht nur um den Glauben, sondern viel häufiger eigentlich um politische Entscheidungen – wurde Kirchenrecht ein Teil des weltlichen Rechts. In fast allen europäischen Ländern stand ab 1300 die Todesstrafe auf Sodomie, wenngleich die Verfolgung nicht besonders intensiv betrieben wurde, waren nicht das Gemeinwohl oder bestimmte politische Intrigen drängende Faktoren. Mit Ausnahme einiger kleinerer Wellen der „Sodomiterverfolgung“ in der Geschichte des Christentums (bei denen die Urteile aber nur in kleinem Umfang wegen Homosexualität erfolgten), waren Hinrichtungen Homosexueller Einzelfälle. Über die gesellschaftliche Ächtung und soziale Ausgrenzung Homosexueller sagt dies freilich nicht viel aus.

Ein interessanter Fakt ist übrigens, dass nur ein vernichtend kleiner Prozentsatz der historischen Verurteilungen und Hinrichtungen wegen Sodomie sich gegen Frauen wandte. Es gibt auch kaum Hinweise dafür, dass lesbische Praktiken überhaupt als eigenes Vergehen betrachtet wurden (trotzdem fielen sie natürlich moralisch gesehen unter Lust, die keiner Fortpflanzung diente und waren somit nicht akzeptabel).

An der mittelalterlichen Situation änderte sich lange gar nichts. Homosexuelle Handlungen standen sogar noch bis Mitte des 20. Jhdts in Deutschland und Österreich unter Strafe. Umso glücklicher dürfen wir uns heute schätzen, dass der allgemeine Trend sich zu einer toleranten Gesellschaft bewegt, in der jeder jeden vögeln, lieben und als Partner für das zukünftige Lebensglück wählen kann, den er als richtig empfindet.

Wer übrigens mehr dazu lesen möchte, findet hier eine große Sammlung an Artikeln zu verschiedensten historischen Brennpunkten des Themas. Wikipedia ist NICHT wissenschaftlich für vollzunehmen, aber schön zum einlesen.

Hier eine Vorlesung der UCL London zum Thema sexuelle Orientierung im Mittelalter.

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