Die Distaff gospels – eine Empfehlung zum…äh…eher nicht so genießen

Hier ist unser Thema ja hauptsächlich immer mittelalterliche Sachkultur, aber ich lese ja in letzter Zeit wirklich gerne moralische Schriften, Spottgedichte, Kleiderkritiken, Haushaltsbücher und andere literarische Menschlichkeiten aus dem Spätmittelalter, um mich ein bisschen in die Mentalität der Zeit einfühlen zu können und weil man dort auch oft wertvolle Hinweise für die Verbesserung der Darstellung findet. Daher war ich natürlich sofort begeistert, als ich von den sogenannten „Distaff gospels“ hörte, die es seit 2006 in einer ersten englischen Edition gibt. Und über die möchte ich heute ein bisschen sprechen.

Es handelt sich bei diesem Werk unter dem Originaltitel „Les Evangiles des Quenouilles“ um eine Sammlung von „Lebensweisheiten“ aus dem 15. Jahrhundert, die in eine Rahmenhandlung eingepasst sind, welche erklären soll, wie diese Lebensweisheiten zusammengetragen wurden. Die Rahmenhandlung spielt sich in einem Haus in Frankreich ab, wo sich an kalten Winterabenden die Frauen zum Spinnen treffen und miteinander tratschen. Diesen Abenden wohnt ein junger Herr bei, der sich auf Bitten der Hausherrin dazugesellt, um die Lebensweisheiten der Frauen aufzuschreiben und damit für die Nachwelt festzuhalten und die Frauen geben eine nach der anderen ihre Weisheiten zu bestimmten Themen, die jeweils einen von 6 Abenden bestimmen, ab.
Natürlich ist – wie bei vielen dieser Weisheiten-, Geschichten- und Rezeptsammlungen des Mittelalters – die Rahmenhandlung rein fiktiv und dient nur zur leichteren Verdaulichkeit der Sammlung, sie ist aber eine Möglichkeit des ursprünglichen Autors des Werks, die wiedergegebenen Weisheiten über die Figur des Schreibers zu kommentieren.

Die einzelnen Weisheiten, sind eigentlich gar nicht mal so aufsehen erregend, es handelt sich hauptsächlich um Aberglauben nach dem Motto „Wenn du bei Vollmond bei der alten Eiche dich dreimal im Kreis drehst, wird dir im Traum gezeigt, welches Geschlecht dein Baby sein wird.“ (Weisheit von mir frei erfunden, könnte aber genauso im Buch stehen 😃 )
Hie und da sieht man mal einen Aberglauben, der vermutlich anderweitig nützliche Verhaltensweisen fördern soll, z.B. wenn einer Frau schlimmes vorhergesagt wird, die am Samstag Abend noch unversponnenes Garn auf ihrem Rocken hat. Also eine klare Mahnung zu mehr Fleiß. Verschiedene der Weisheiten geben also schon auch ein Sittenbild der Zeit ab, für das Hobby selbst konnte ich aber kaum etwas herausziehen.

Tatsächlich aber ist das Interessante an diesem Werk der permanente Konflikt zwischen der Sicht der Frauen in der Runde, die durchaus selbstbewusst als Herrinnen des Hauses und der Hauswirtschaft auftreten und ihre Männer schelten für ihre Untreue und ihr eheliches Fehlverhalten (Und dabei hegen sie dem modernen Menschen nicht unbekannte Ideen von Ehe, in der beide Partner gleichberechtigt sind und liebe- und respektvoll miteinander umgehen sollen) und der männlichen Figur des Schreibers, der die Äußerungen der Frauen großteils in eher belustigt herablassender Art kommentiert und eigentlich nicht ernst nimmt oder lächerlich macht.
Wir haben es mit einer Gruppe von Frauen verschiedener Schichten und Altersstufen zu tun, die die Ungerechtigkeit ihrer gesellschaftlichen Stellung wahrnehmen und Kritik üben daran, sie gleichzeitig aber reproduzieren, in dem sie den jüngeren Frauen in der Runde Ratschläge mitgeben, die sie auf ihre zukünftige Rolle als Mutter und dem Ehemann untergeordneter Ehefrau vorbereiten sollen.
Dagegen wirkt die Sicht des Schreibers auf die Unterhaltungen der Frauen eher wie die von Kolonialherren auf eingeborene Völker. Er zeigt eine Art von wissenschaftlicher Neugier des Gebildeten, der im Gegensatz zu seinen Gastgeberinnen des Schreibens und Lesens mächtig ist, gepaart mit einem klaren Bild von der geistigen Unterlegenheit des Gegenübers. Und letztlich überzeugt seine Sicht am Ende des Werks den Leser.

Die Rezeption der Distaff gospels in anderen literarischen Werken der Zeit legt nahe, dass von der zeitgenössischen Leserschaft ihr Inhalt als nicht ernst zu nehmendes satirisches Werk eingeordnet wurde. Allein der gewählte Titel „Die Spinnrocken Evangelien“ darf als spöttische Bemerkung dazu gewertet werden, dass Frauen (für die der Spinnrocken symbolisch steht) und ihre Kaffeeklatsch Weisheiten wohl kaum ernstzunehmen seien. Und tatsächlich ist das Werk auch eher als Satire gedacht als als Ratgeber. Die Frauen erhalten irgendwelche erfundenen lustigen Namen wie „Transeline du Croq“ (Transeline die Hure) oder Pyate au Long Nez (Pyate mit der langen Nase) und entsprechen in ihrem Verhalten und ihrer Beschreibung oft den buchstäblichen Klischees alter Klatschweiber.
Der Aufbau des Werks richtet sich nach dem Aufbau von einer bestimmten Form von Lehrbüchern aus dem mittelalterlichen universitären Bereich, wo auch ein Schreiber die Lehrweisheiten eines (männlichen) Professors aufnimmt und die Zustimmung oder den Widerspruch der im Raum befindlichen Gelehrten dazu aufzeichnet. So spricht in den Distaff gospels immer eine Frau und die anderen geben ihr anschließend recht oder ergänzen ihr „Wissen“.
Auch sind die 6 Abende der Spinnrocken Evangelien eine humoristische Anspielung auf die 6 Tage der Genesis.

Dieser wichtige Kontext ist übrigens auch hervorragend im Vorwort der Editorinnen herausgearbeitet worden und es wurden zur weiteren Erklärung noch weitere Texte aus anderen Werken der Zeit im großzügigen Anhang des Buches angeführt, die ebenfalls die Haltung der spätmittelalterlichen Gesellschaft zur Frau in der Ehe und der Hauswirtschaft kommentieren, darunter als emanzipatorisch einzuordnende Texte wie von Christine de Pizan, aber auch Material, das vor Misogynie nur so trieft wie die Fifteen Joys of Marriage (beides 15. Jahrhundert).

Es war nicht schön, dieses Buch zu lesen, aber von mir gibt es trotzdem eine unbedingte Leseempfehlung, denn es war für mich ein guter Anlass, um einmal wieder den Tatsachen ins Auge zu blicken. Das Mittelalter und mittelalterliche Autoren hatten nur wenig übrig für Feminismus.
Moderne DarstellerInnen (wie ich eine bin), die sich oft konfrontiert sehen mit der Mär vom dunklen Mittelalter, wo alles schlecht und dunkel und gefährlich war, neigen ja hin und wieder mal gerne dazu, die mittelalterliche Gesellschaft verteidigen zu wollen und einen vielfältigeren Blick auf die Geschichte zu fordern, wenn es einmal wieder um die Frau im Mittelalter geht. Denn natürlich war die Lage der Frau nicht ganz so schlecht, wie es der durchschnittliche Veranstaltungsbesucher denkt. Gerade im Spätmittelalter wuchs der Einflussbereich von Frauen besonders in den Städten, sie ergriffen Berufe, erkämpften sich das Recht auf Besitz, bildeten Zünfte. Aber das änderte halt auch nicht zwingend etwas daran, wie das allgemeine gesellschaftliche Bild der Frau weiterhin aussah. Haushalt, Kinder, Vormundschaft waren eher die Regel, Medizinstudium, Handelsunternehmen und freies Kunstschaffen eher die Ausnahme.

Als Mit-Veranstalterin der (leider um ein Jahr verschobenen) Veranstaltung „Weibsbilder“ ist mir besonders daran gelegen, aufzuklären über die vielen Möglichkeiten, wie Frauen sich eigene Schaffensräume sichern konnten, wie sie selbständig leben konnten oder wie sie die Gesellschaft als Ganzes voran gebracht haben. Denn eine Frau, die sich in so einer Gesellschaft emanzipiert, kann ein echtes Vorbild für heutige Frauen sein. Aber sie ist eben deshalb ein Vorbild, weil sie es gegen einen enormen Gegenwillen geschafft hat. Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass wir in unserer Veranstaltung eine große Reihe von sehr bemerkenswerten Persönlichkeiten vorstellen, die heraus stechen und nicht den großen Durchschnitt weiblicher Lebenswelten, der sich auf Hausarbeit und Mutterschaft beschränken musste. Grade heute, wo ständig Debatten über Wikingerkriegerinnen und Genderrollen in der Geschichte den allgemeinen Diskurs bestimmen, sollten wir, auch wenn einzelne Fälle in Textquellen und Funden immer mal wieder ein bisschen heilsamen Ausgleich zu geben scheinen, immer dazu sagen, dass auch so etwas hier Realität war. Eine Haltung zur Frau, die ihr Gleichberechtigung aberkannte und die ihren Körper, ihre Kleidung, ihre Sexualität und ihre wirtschaftliche Selbständigkeit zu kontrollieren versuchte.
Nicht selten sehe ich mich auch gezwungen, zu widersprechen, wenn Gäste oder Kommentatoren auf unseren Social Media Kanälen meinen, damals in der „guten alten Zeit“ wären Frauen ja so viel freier gewesen, weil sie ihre Körper mit langer Kleidung verdecken „durften“ oder weil niemand ihren Platz als Mutter und Hausfrau in Frage stellt. Dabei handelte es sich dabei um Symptome der Unfreiheit, nicht der Wahlfreiheit, die der moderne Feminismus fordert.

Eigentlich ist es nicht notwendig, historische Vorbilder zu finden, wo Frauen Männern gleichgestellt waren, um zu argumentieren, warum sie es heute sein sollten. Denn das Recht der Frau darauf, nicht diskriminiert zu werden, leitet sich aus vernünftigen Überlegungen ab, nicht aus historischen Vorbildern. Ich halte es sogar für sehr wichtig, dass wir uns auch hin und wieder klar darüber werden, dass wir heute gegen ein Bild der Frau ankämpfen, das sich über tausende von Jahren etablieren konnte und unser aller Denken beeinflusst, bewusst oder unbewusst. Damit wir eben dieses Bild dekonstruieren und uns gegen es entscheiden können. Und deswegen ist es nützlich, sich auch einmal solcher Werke hier zu widmen.

 

Übrigens, wer weiter zu diesen Themen lesen möchte, dem kann ich folgende Bücher empfehlen:

Wie ein Mann ein fromm Weib soll machen
The book of the city of ladies – Christine de Pizan