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Wolle und Leinen – oder: Hilfe, welcher Stoff denn nun?

Es ist ein alter Streitpunkt, die Frage, welche Stoffe wurden denn nun als Unterkleidung und welche als Überkleidung verwendet?
Bitte verzeiht uns, wenn sagen, dass wir selbst nur ein „das ist schwierig zu sagen“ antworten können.

Die Schwierigkeit ist tatsächlich, dass es so wenig Textilfunde von europäischer Kleidung des Mittelalters gibt, dass sie einfach nicht genügend Material liefern, um hier eindeutige Aussagen zu machen.

Dinge, die auf Leinen als Unterkleidung hinweisen (hierüber besteht kaum Uneinigkeit):
– Leinen ist kühl auf der Haut und kratzt nicht
– Es trocknet schnell und ist bei Feuchtigkeit geruchsneutral
– Es lässt sich leicht waschen und ist sehr strapazierfähig
– Alle mittelalterlichen Funde von Unterkleidung, die gemacht wurden, sind aus Leinen

Dinge, die auf Wolle als Überkleidung hinweisen:
Wolle behält die Körperwärme
Heute greifen Sportler auf hauchdünne Merino-Wolle über dem Unterhemd zurück und schwören darauf, dass damit die Bedürfnisse des Körpers bei Anstrengung ideal getroffen werden, insbesondere die Kombination Leinen-Wolle geht ideal auf das Körperklima ein.

– Sie lässt sich leicht färben und behält die Farbe auch bei mehrmaligem Waschen
Schafshaare sind wie Menschenhaare von unzähligen Schüppchen übersäht, die das Anlagern der Farbpigmente erleichtern und sie nicht mehr so leicht abgeben.

– Sie ist einfach zu verarbeiten
Das Spinnen geht durch oben genannte Schüppchen einfach und schnell, da sich die Fasern einfacher verhaken.

– Sie war seit Menschengedenken die häufigst verwendete Faser in Textilien
Funde aus anderen Zeitaltern vor dem Mittelalter sind großteils aus Schafwolle, man könnte eine Art „Traditionsdenken“ oder „Feststecken in Bezug auf Neuerungen“ annehmen

– Alle mittelalterlichen Funde von Überkleidung, die gemacht wurden, sind aus Wolle (adlige Seidengewänder ausgenommen)


Dinge, die für Leinen als Überkleidung sprechen:

– Wolle ist heiß und insbesondere im Sommer bei der Arbeit anstrengend
Wer selbst einmal in Wolle gesteckt hat, weiß, wie heiß es bereits bei 25 ° Außentemperatur sein kann. Bedenkt man das relativ warme Klima im Mittelalter im Vergleich zur Moderne, muss es damals noch schlimmer gewesen sein

– Leinen lässt sich besser reinigen und ist somit günstiger für die ständig äußeren Einflüssen ausgesetzte Überkleidung
Durch die oben genannten Schüppchen der Wolle behält sie leichter Schmutzpartikel. Leinen dagegen erlaubt dem Schmutz das nicht. Auch bricht die Woll-Faser durch ihre schuppige Struktur leicht durch äußere Einwirkung, wird so schnell dünner und bildet „Knubbel“.

– EDIT: Anmerkung eines unserer Leser:
„Ich würde aber noch hinzufügen wollen, daß es ausgewiesene Leinenregionen gegeben hat und kaum Schafzucht .. Bodenseeregion z.B. (oder zum Teil wohl auch bei uns ? Stichwort Wollimporte)
In solchen Regionen wäre das Treiben der Schafe auf die Weide, das ständige draufaufpassen, das Einfangen, Scheren, Wolle waschen, Wolle kämmen, und und und .. wohl als die aufwändigere Tätigkeit dargestellt worden.

Ein weiteres Argument, daß aber nur der Vollständigkeit halber reingehört ist, daß sich Leinen im Fundgut als Pflanzenfaser sehr, sehr schlecht erhält und somit alle Bodenfunde schon mal ausfallen .“

Dinge, die gegen Leinen als Überkleidung sprechen:
– Leinen lässt sich schlecht färben
Weil sie eben keine Schüppchen hat, wo sich die Farbpigmente ablagern können, nimmt die Leinenfaser die Farbe recht schwer an und gibt sie auch sehr schnell beim Waschen wieder ab, es lässt sich nur mit einer begrenzten Auswahl an Farbstoffen und viel Färbegut-Aufwand (sprich preislichem Aufwand) kräftig färben. Alle Abbildungen mittelalterlicher Überkleidung sind aber farbenfroh und strahlend.

– Die Wärmerezeption der mittelalterlichen Menschen war anders
Sieht man sich heutige Wüstenvölker an wie zB die Touareg, die in Vollverschleierung mit langen Hosen und Tuniken, Turbans und sogar Schals noch keinen Schweißausbruch bekommen, so wird sichtbar, dass die Wärmerezeptoren des Körpers nicht primär auf Temperaturen nach dem Thermometer gemessen ansprechen (ab 30 Grad wird mir heiß), sondern nur auf konkrete Veränderung von Temperaturen. Ein Mensch, der sein ganzes Leben lang nichts anderes kannte als Wollkleidung, spürt die Hitze nicht so wie jemand, der immer Baumwolle getragen hat wie in der Moderne und ein Eskimo wird bei uns im März seine Badehose auspacken, weil ihm heiß ist.

– Leinen ist aufwändiger in der Herstellung

Wolle herstellen ist Hausarbeit. Man stellt die Schafe auf die Wiese, sie ernähren und vermehren sich selbst, wenn man gut auf sie aufpasst, und der einzig körperliche Akt daran ist das Scheren, sofern die Schafe sich wehren. Danach kann jede Arbeit im Sitzen erledigt werden. Leinen dagegen muss im Ackerbau angebaut, gepflegt und geerntet werden und danach per Hand geprügelt und über einen Kamm geschlagen werden, um eine Faser zu erhalten. Körperlich wesentlich anstrengender und selten eine Arbeit, bei der auch Alte, Kinder und Kranke helfen können. Zusätzlich nimmt es wertvolle Anbaufläche für Getreide weg.

Wenn bei euch jetzt noch mehr Fragezeichen über dem Kopf stehen, dann tut mir das Leid, aber wie wir immer betonen, alles was wir tun ist unsere Interpretation der Sachlage. Wir agumentieren unsere Wollüberkleidung vornehmlich mit oben genannten Fakten, genauso könnten wir aber auch vollkommen falsch liegen.
Wenn uns Befunde fehlen, können wir nur Methoden der Experimentellen Archäologie anwenden und uns einer möglichen Lösung nähern. Einige Dinge bei der lebendigen Geschichte liegen eben auf der Hand, die meisten können aber nicht eindeutig belegt oder widerlegt werden.

Wenn ihr übrigens noch Anregungen und Gedanken hierzu habt, nur her damit, ich denke, wir sind alle froh über neue Ansichten, Befunde und Ideen.

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