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Gesten und Gebärden des (Spät)-Mittelalters – ein kleines Bilderbuch

In diesem Artikel möchte ich mich mit einem eher ungewöhnlichen Thema beschäftigen. Und zwar soll es um Aspekte nonverbaler Kommunikation im Mittelalter gehen. Bitte jetzt nicht wegklicken, ich hab auch Bildmaterial 🙂

In unserer heutigen Gesellschaft im deutschsprachigen Raum ist es schwer vorstellbar, dass im Mittelalter, wo der durchschnittliche einfache Mensch fast schriftlos lebte und viel stärker auf seine Mitmenschen angewiesen war als heute, Kommunikation anders aussah. Gesten und Gebärden waren ein wichtiger und natürlicher Bestandteil der Sprache. Sie begleiteten Sprache, ersetzten Sprache und drückten die eigene gesellschaftliche Stellung, aber auch die des Gegenübers aus.

 

Verschiedene Bereiche der Gesellschaft hatten unterschiedliche Repertoires an Gesten zur Verfügung, die für sie angemessen waren und den ihnen eigenen Wortschatz unterstrichen. Beispielsweise benötigt ein Geistlicher ein Repertoire von stark ritualisierten Gesten, die er für die Arbeit mit religiösen Inhalten benötigt.

 

 

Narren, Spielleute und Schauspieler haben ein Repertoire von wüsten Gesten, um zu beleidigen und zu erheitern.

 

Adelige und Herrscher drücken mit Gesten Überlegenheit, Macht, Verbundenheit oder Unterwürfigkeit aus, Geschäftsmänner schließen öffentliche Verträge oder schlagen Geschäfte aus und bilden damit bindende Rechtsverhältnisse, Liebende, Freunde und Ehepartner drücken durch Gesten ihrerseits Verbundenheit aus.

Dabei kann eine unbedacht ausgeführte Geste durchaus reale Konsequenzen haben, wie der Fall von Erhart Ryhener, der im Jahre 1463 unerlaubt in Wien das Schlosserhandwerk ausübt und der wagte, im darauf folgenden Streitgespräch seinen Finger in die Luft zu recken, um die Menge auf seine Seite zu ziehen, was ihm als besonders ungehöriges Verhalten im anschließenden Rechtsstreit vor Gericht ausgelegt wird. (Siehe: F. Oppl, Leben im Mittelalterlichen Wien, S. 107)

Ein bisschen kann man das wohl vergleichen mit heutigen südeuropäischen Ländern, wo enorm viel mit Händen und Körper gesprochen wird im Gegensatz zu nordeuropäischen Ländern, wo das gesprochene Wort weit mehr wiegt. Übrigens ist auch im Mittelalter schon der Südländische Europäer weit mehr zu körperlichem Ausdruck geneigt als der Mittel- und Nordeuropäer, so beschweren sich beispielsweise mehrere Zeitgenossen über das übermäßige Herumgefuchtel des Johannes von Capestrano, der um 1451 in Wien predigt und mit seiner überschwänglichen Gestik und ausdrucksvollen Rhetorik eine exotische Erscheinung zu sein scheint (Siehe F. Oppl, Leben im Mittelalterlichen Wien, S. 106)

Schon im 12. Jahrhundert findet man erste Ansätze in geistlichen Schriften, die übermäßiges, unanständiges Gestikulieren zu regulieren suchen. So unterteilt beispielsweise Hugo von Sankt Viktor in seinem Werk “De institutione novitiorum” tugendhafte und lasterhafte Gesten.(Siehe: D. Marcantonio, Gesten im interkulturellen Vergleich, S. 29)
Geändert hat sich diese Art zu kommunizieren erst mit dem Erfolgszug der Etikette, die nicht nur Handeln sondern auch den gesamten Ausdruck des Körpers reguliert. Den Anfang dieser Bewegung macht Erasmus von Rotterdam im frühen 16. Jahrhundert mit seiner “De civilitate”, in der er beispielsweise auch Körperhaltung und Mimik bespricht. Heute gilt Kontrolle über den eigenen Körper und das Stillsitzen im Gespräch als Tugend.

 

Ein Wort zu den erwähnten Spottgesten: Viele von diesen Gesten kennt ihr sicher schon aus eurer Kindheit. Im Mittelalter waren es aber nicht nur Kinder, die diese anwandten, auf Abbildungen sieht man sie eigentlich vor allem bei Erwachsenen.

Nicht umgesetzt, weil bei Kollegen während der Recherchephase viel schöner gesehen und weil wir leider keine adelige Darstellung hatten, wurde der sogenannte Kommendationsgestus, der ähnlich dem Handschlag ein Gestus ist, der beim Zustandekommen eines Vertrages verwendet wird. Dabei umfasst der Lehensherr die gefalteten Hände seines Lehensmannes und nimmt ihn damit in seinen Schutz und Dienst auf.

 

 


Noch ein Wort zum Artikel: 

Vor einiger Zeit hatten wir die Idee, doch in einer Bildserie verschiedene wüste Gesten wie die Feige umzusetzen, befanden es für witzig und ich machte mich an die Recherche, naiv denkend, dass es sich dabei um ein relativ einfaches, leicht verständliches Thema handelt, das man unterhaltsam umsetzen kann.

Leider war mir nicht klar gewesen, welch ein umfangreiches Gebiet Gesten und Gebärden in vergangenen Epochen sein kann (und ich bin schon froh, dass ich mich dazu nicht in römisch antike Rhetorische Mimik und Gestik einlesen musste, ein riesen Thema).  Es gibt wirklich unheimlich viel an wissenschaftlichen Arbeiten, die in den Bereich Kunstgeschichte fallen, in denen über verschiedene typische Gesten in Mittelalterlichen Abbildungen gesprochen wird. Also von Gesten, die dem Betrachter helfen, eine bestimmte Situation zu deuten, die verdeutlichen, wenn jemand spricht, wenn jemand ablehnend ist, wenn jemand erschrocken ist, wenn jemand trauert usw. Das ist natürlich ein wichtiges Thema und darüber zu lesen hat mich schon sehr viel weitergebracht im Bereich Quellenkritik für meine persönliche Arbeit mit Bildquellen. Aber in der praktischen Umsetzung von historischen Alltagswelten sind die natürlich eher nicht so relevant. Sicher konnte damals der mittelalterliche Betrachter diese gemalten Gesten auch verstehen, aber im alltäglichen Leben fanden sie wohl eher keine Anwendung. 

Dann gibt es eine ganze Menge an Büchern und Arbeiten, die sich mit monastischer Zeichensprache im Mittelalter beschäftigen. Auch ein ganz tolles Thema, denn die in Klöstern ab dem 10. Jahrhundert gepflegten Gebärdensprachen, die von Mönchen als Handhabe gegen das Schweigegebot entworfen wurden, hängen auch mit der modernen Gebärdensprache zusammen und natürlich ist das höchst spannend. Und natürlich gibt es eine ganze Reihe an symbolträchtigen Handbewegungen in den Riten der katholischen Kirche. Aber da wir keine geistliche Darstellung machen, ist das für uns auch eher irrelevant. 

Auch ein großes Thema in diesem Rahmen sind symbolische Handlungen im realen Leben aber auch der Dichtung des Mittelalters. Eine ganze Welt von höchst symbolträchtigen Kleiderwahlen, Körperhaltungen, Handgriffen usw. tut sich hier auf. Von Gunter, der Siegfrieds Steigbügel im Nibelungenlied hält bis zum Gang nach Canossa Heinrichs IV gilt es ein komplettes Set nonverbaler Kommunikation zu erlernen, wenn man sich in der Lebensrealität – insbesondere höhergestellter – mittelalterlicher Menschen zurecht finden möchte. Das alles abzuhandeln in einem Blogartikel, ist schlicht unmöglich.  

Warum diese Erklärung? Weil ich nicht will, dass ihr diesen eigentlich als leichte Unterhaltung gemeinten Artikel hier missversteht als unzulässige Kürzung und weil ich will, dass interessierte Leser sich auch noch in andere Richtungen informieren können und auf andere interessante Themenbereiche aufmerksam gemacht werden. Unten habe ich auch noch einmal Leseempfehlungen dazu notiert. 


 

Literaturempfehlungen:

Was sind Gesten?

Florian Deuchler – Strukturen und Schauplätze der Gestik – Gebärden und ihre Handlungsorte in der Malerei des ausgehenden Mittelalters

Jean-Claude Schmitt – Die Logik der Gesten im europäischen Mittelalter

Marcus Mrass – Gesten und Gebärden: Begriffsbestimmung und -verwendung in Hinblick auf kunsthistorische Untersuchungen

Brigitte Janz – Hand und Hangebärde im mittelalterlichen Recht

Karl von Amira – Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels

Jan Keupp – Die Wahl des Gewandes

Gesturing in the Early Universities

Sammlung von Narrengesten aus Mittelalter und Neuzeit

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