Unsere Seite funktioniert leider erst ab einer Auflösung von 1024x768 Pixel.

Zur mobilen Version wechseln

English Version

Ein stützendes Unterkleid aus der Mitte des 14. Jahrhunderts

Unsere Vereinskollegin Viki hat jüngst mit meiner bescheidenen Hilfe ein tolles Unterkleid mit Stützeffekt für die Mitte des 14. Jahrhunderts umgesetzt und mir erlaubt, einen kleinen Artikel zu verfassen, in dem ich das Konzept dazu erkläre.

 

 

Nun ist es so, dass das Thema ja ein altes ist und andere sich schon lang und breit damit befasst haben, wir erfinden also hier das Rad definitiv nicht neu. Und so möchte ich auch empfehlen, unbedingt noch diese  Artikel hier zu lesen, bevor ihr hier loslegt:

Tuttenseck – ein Rekonstruktionsversuch eines der Unterkleider aus Lengberg

Isis Sturtewagen’s Versuch einer Rekonstruktion eines stützenden Unterkleids

Katafalks Umsetzung eines Lengberg Unterkleids

Rekonstruktionsversuch für ein stützendes Unterkleid bei Neulakko

Ein weiterer Rekonstruktionsversuch des Lengberg BH-Kleids bei „In pursuit of medieval excellence“

 

Zunächst mal einige schriftliche Quellen, die Isis Sturtewagen sie hier aufgelistet hat. 

 

Und ergänzend aus der Kleiderordnung von Speyer um 1356:
„Ez sol ouch ir deheine keinen barchenrock, underrock oder ober rock zu  den sitenbrisen oder durch engenisse mit snuren inziehen, odir ir lip oder ir brúste mit engenisse intwingen oder binden.“

(Was immer eine Kleiderordnung verbietet, ist ja für uns ein guter Hinweis, es tunlichst umzusetzen ;-) )

Was alle diese Textquellen nahelegen ist die Tatsache, dass auch schon vor 1350, aber sicher danach die Veränderung des Körpers zum Erreichen eines Ideals ein echtes Thema wird. In der Hochgotik sieht das Ideal für die Frau doch anders aus, als wir es heute sehen möchten. Kleine, feste, von einander getrennte Brüste, die hoch sitzen (in der Wenzelsbibel sehen die sogar richtig silikonmäßig aus, holla, die Waldfee!), eine schlanke, eher hoch sitzende Taille und breite, weiche Hüften, nicht dünn, sondern eher plump mit einem kleinen bisschen Speck unter der Haut und gern mit kleinem Bäuchlein. In der Gesamtheit also eine Birnenform. Nun hat natürlich nicht jede Frau von Natur aus diese Form und im 14. Jahrhundert tatsächlich schon von echter Körperformung zu sprechen, halte ich eigentlich für übertrieben, tatsächlich sind eigentlich die Männer die ersten, die in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts beginnen, ihre Körper mit Taillenbändern und Brust und Oberkörper formenden Wämsern zu verändern, die Frau zieht erst in der Renaissance mit Aufkommen der ersten Mieder nach. Aber zumindest an der Oberweite wollte man schon etwas tun. Übergroße, hängende Brüste sind ein Zeichen von Alter und von vielen Kindern und dem möchte man entgegen wirken, gerade jetzt, wo die Taillen eng genäht werden und die Hüften mit Geren betont und wo Knöpfe einen so engen Sitz möglich machen, dass man das darunter sehr genau sehen kann.

Leider gibt es nur eine passende Bildquelle aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, das ist diese hier vom Chorsüdportal Münster zu Heiligenkreuz in Schwäbisch Gmünd (Hier findet sich noch eine nähere Beschreibung des Baus und der Datierungen) Davor wüsste ich jetzt eigentlich keine Quelle, die ein Unterkleid zeigt, das zum Stützen von Brüsten dienen kann. Bei den oben genannten Schriftquellen taucht die Möglichkeit auf, übergroße Brüste mit einem Strophium (diesen Begriff entleihe ich der römischen Antike, wo solche doch in einigen Abbildungen auftauchen) zu binden, also einem langen Stoffstreifen, der mehr oder weniger oft um die weibliche Brust gewickelt wird, um diese zu fixieren, eine Variante, die ihr hier in den nächsten Tagen auch noch mal im Versuch sehen werdet.

Wir haben uns für ein Cup-loses Modell entschieden wie bei dieser Abbildung aus Schwäbisch Gmünd, weil das bei kleineren Körbchengrößen ausreichend ist. Es soll ja nur ganz leicht zusammendrücken, ansonsten hat Viki ja die passende Form schon von selbst.

 

 

Da wir auch bei den Lengberg Funden ein Unterkleid (mit Cups) mit seitlichem Schnürverschluss haben und eine Seitliche Schnürung auch auf Abbildungen erkennen kann, haben wir uns für eine solche entschlossen. Hier mit genesteltem Leinenband verschlossen.

Wir haben zuerst das Oberteil angepasst und dann daran den Rock mit ganz leichter Fältelung angesetzt.

Noch einige Bildquellen und Umsetzungen zu ärmellosen Unterkleidern, stützenden Unterkleidern und co findet ihr in meiner Pinterestsammlung zum Thema.

Und hier findet ihr alle wichtigen Artikel, Berichte und Material zum Lengberg Fund.