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Historische Schnitte anpassen – 1350 Cotte/Rock

Schnittvorlagen aus dem frühen 14. Jhdt gibt es leider nur wenige. Die einzig brauchbare, die ich kenne, sind die Herjolfsnes-Funde, die aber – angewendet – ein Kleidungsstück ergeben, das den Abbildungen unserer Region und Zeit recht ähnlich sieht. Leider ist es so, dass man bei diesen Kleiderfunden nicht genau sagen kann, wie die Passform am Träger war, wie weit oder eng das Kleidungsstück gesessen hat oder welche Länge es am Träger hatte. Dazu geben allerdings zeitgenössische Abbildungen ausreichend Auskunft. Wie leitet ihr daraus euer persönliches Schnittmuster ab? Ich erklärs euch hier…

Zur Information über die Schnitte dieser Funde, empfehle ich das Buch „Woven into the earth“ von Else Ostergaard (Aufarbeitung der Originalfunde) und „Medieval Garments Reconstructed“ (Rekonstruktionen und Schnitte der Originale) von der gleichen Autorin in Zusammenarbeit mit anderen.

In beiden Büchern finden sich die nötigen Details zur Zusammensetzung, Material, Nähtechnik und zum Schnitt dieser historischen Textilien. Allerdings verrät einem keines davon, wie man diese Schnitte nun auf sich selbst anpasst. Ich sehe leider auch immer wieder Darstellerinnen, bei denen dieses schöne Modell nicht eng genug sitzt und somit einem 13.Jhdt Elisabeth-Sackkleid ähnlicher sieht als der eleganten weiblichen Silhouette des 14. Jhdts., was die aufwändige Konstruktion sinnlos macht, denn die spezielle Taillierung der Seitengeren ist ja nicht umsonst da. Sie ist ein revolutionärer modischer Ansatz zu dieser Zeit und dem sollte unbedingt Rechnung getragen werden. Zuvor gab es nämlich so etwas wie Abnäher und taillierte Schnitte nicht (die Schnitte des 12. Jhdt werden noch per Raffung mit seitlicher Schnürung auf den Körper angepasst).

Ich habe also einmal versucht, euch hier ein Schema aufzuzeichnen, das genau diese Anpassung erklären soll, so dass euch die Klamotte danach auch gut passt. Die Erstellung des Schnitts ist nicht schwer, allerdings empfehle ich Nähanfängern, zunächst ein Probekleid aus billigem Stoff mit der Maschine zu machen, um etwaige grobe Fehler vorzubeugen, wenn ihr in den teuren Wollstoff schneidet

ACHTUNG: Diese Anleitung hier spart euch den Kauf von „Medieval Garments Reconstructed“ nicht, meine Zeichnungen unten sind kein maßstabsgetreuer Schnitt!

 

———————————— LOS GEHT’S ! ————————————————-

Ich arbeite hier einmal nach dem Modell des 8- bzw 10-Geren Kleids mit den langen Ärmeln, mache aber im Endeffekt nur 6 Geren, die mittigen Unterteilungen der seitlichen Geren können mit Scheinnähten noch nachgeholt werden. Fortgeschrittene Näher können sie auch nutzen, um die Taillierung beim Abstecken noch gleichmäßiger zu verteilen.

Stoffverbrauch würde ich zwischen 4 und 6 Metern je nach Körpergröße und gewünschter Rockweite einschätzen

Maßnehmen am Besten in Unterwäsche, noch besser in historischer Unterwäsche, um auch dem Volumen des Unterkleids Rechnung zu tragen.

Maße (Nahtzugaben nicht vergessen):
A= Länge Schulter bis Fußboden (Achtung, die Brustrundung mitnehmen!) + Überlänge von 10-20 cm (beugt auch ungleiche Saumlänge vor)
B= Schulterbreite (von einer Schulter zur anderen)
C= Länge Taille bis Fußboden + Überlänge wie in A
D= Oberarmumfang
E= Handgelenkumfang
F= Unterarmweite (einmal um die breiteste Stelle des Unterarms herum, bitte bedenken, dass der Arm am Ellbogen breiter ist, wenn er abgebogen ist!)
G= Länge Schulter bis Ellbogen
H= Länge Ellbogen bis Handgelenk
I= Umfang des tatsächlichen Armausschnittes (am fast fertigen Kleid messen!!) minus D
J= maximum die Länge von H oder ca. 15 cm

Die Geren schneiden wir aus Rechtecken zu, die wir einfach diagonal zerschneiden.

Wir beginnen mit dem Hauptteil des Kleides, also einmal ohne die Ärmel, die erst danach eingesetzt werden.

Der erste Schritt ist, alle Teile des Korpus auszuschneiden und zusammenzustecken oder -heften (Achtung zwischen den Seitengeren ein bisschen Platz für die Arme lassen und natürlich oben ein Loch für den Kopf zum Anprobiern!) Die Ärmellöcher machen wir nach dem Abstecken.

Wichtig ist vor allem, dass die Taillierung passt, dazu solltet ihr das Kleid in diesem rohen Zustand anziehen und von jemand mit ein bisschen Näherfahrung seitlich so an euch abstecken/heften lassen, dass es vorne um Brust und Taille stramm sitzt und die Naht an der Hüfte wieder in die Gerade übergeht . Das sollte ungefähr so aussehen wie die gestrichelten Linien, die ich gemacht habe. Die Absteckung sollte oben dort enden, wo später euer Ärmel liegen soll. Also unter der Achsel.

Ihr könnt bei der Gelegenheit auch gleich anzeichnen, wo der Halsausschnitt hin soll.

Dann das Kleid noch mal flach auf den Boden legen und schaun, dass keine Wurschteligen Stellen in den Heftnähten sind. Natürlich schneiden wir dann das, was wir abgesteckt haben ab. Nahtzugabe bloß nicht vergessen!

Danach können wir an sich die Ärmel schneiden. Ich würde die Größe D als Referenz nehmen, aber Achtung, gebogene Zuschnitte werden leicht größer als man denkt. Also am besten vorher am Körper schon mal abstecken und schrittweise abschneiden. Der Ärmel sollte oben auf der Schulter enden, wo sich die Schulter nicht mehr rundet. So ähnlich wie bei Tank Tops.

Die Ärmel werden zunächst wie in meiner Zeichnung (also ohne Rundungen oben) aufgezeichnet zugeschnitten, dann zusammengesteckt (Ärmel Zustand 1) und folgendermaßen unter das Kleid gelegt:

Dann schneidet ihr einfach die Rundung entlang des Armloches in den Ärmel hinein. Wenn ihr sie dann wieder auseinanderfaltet, solltet ihr genau die Form haben, die der Originalschnitt aufweist (Ärmel Zustand 2). Das haben wir übrigens auch erst durch probieren heraus gefunden.

Als allerletztes machen wir den Saum, indem ihr euch auf einen Hocker stellt und euch von einem Freund helfen lasst, der rundum den Saum grade nach unten zieht und auf der selben Länge absteckt.

 

Wenn ihr dann auch noch das viele Nähen und Versäubern hinter euch gebracht habt, könnt ihr vielleicht bald so aussehen

Ich hoffe, alles ist verständlich, bei Fragen bitte jederzeit melden, ich helfe gerne auch persönlich aus!

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2 Kommentare auf "Historische Schnitte anpassen – 1350 Cotte/Rock"

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[…] erinnert ihr euch ja, dass ich euch hier schon einmal gezeigt hatte, wie man einen Damenkittel nach den Herjolfsnesfunden an sich selbst anpasst. Etwas ähnliches möchte ich jetzt für einen […]

[…] (Nr 41). Allerdings hat meines nur 8 Geren, aus Gründen, die ich ja schon öfter auch hier auf dem Blog erläutert habe. Das erste Mal habe ich hier auch Knöpfleisten am Handgelenk ausprobiert, weil wir […]

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