Dildos im Mittelalter
Seien wir ehrlich, Menschen waren schon immer Menschen. Das ist quasi das geheime Motto meines Instagram Projekts “Das gemeine Wip”.
Entsprechend können wir auch in so gut wie jeder Epoche Hinweise finden, wie sich bestimmte Formen von Menschlichkeit in Alltagsgegenständen niederschlagen.
Heute möchte ich mich mal etwas intensiver mit dem Thema Dildos im Mittelalter beschäftigen.
Es gibt grundlegend nicht viel zu sagen zum Gegenstand, jeder weiß, was es ist und wie man es verwendet. ;-) Funde von phallusförmigen Gegenständen, die potenziell als Spielzeug dienten, finden wir bereits in archäologischen Ausgrabungen der Steinzeit, bekannte Exemplare gibt es auch aus der griechischen und römischen Antike .
Im Mittelalter ist die Fundlage weniger gut und die Text Erwähnungen aufgrund religiöser Haltungen eher rar.
Ich liste alle mir bekannten Quellen hier, um die auch einmal ordentlich zu dokumentieren, hier wird im Laufe der Zeit ergänzt, sollten sich neue Erkenntnisse ergeben.
Quellen:
1. Berichte von realen Fällen der Verwendung von Dildos finden sich vor allem in Gerichtsakten, was üblicherweise bedeutet, dass jemand wegen der Verwendung eines Dildos angezeigt wurde. Die Strafen in solchen Fällen sind üblicherweise harsch, eine Verbannung oder Exekution des Betroffenen ist im Rahmen des üblichen.
Gerade lesbische Beziehungen werden in der Realität oft von den Behörden gänzlich ignoriert, bis durch die Verwendung von Dildos eine Überschreitung von scharf abgegrenzten Genderbildern im Raum steht. Penetrieren dürfen nur Männer, penetriert werden nur Frauen.
1.1 Die bekannteste und detaillierteste mittelalterliche Beschreibung eines Umschnall-Dildos stammt aus der Gerichtsakte von Katherina Hetzeldorfer (https://de.wikipedia.org/wiki/Katherina_Hetzeldorfer). Ihr Fall mag euch bereits bekannt sein aus meinen Erzählungen von queeren Menschen aus dem Mittelalter und verdient definitiv eure Aufmerksamkeit. stellt sie doch einen der deutlichsten Belege eines potenziell transidenten Menschen aus dem Mittelalter dar.
Vor Gericht sagten ihre Partnerinnen aus, dass sie mit ihr Geschlechtsverkehr “in der Art eines Mannes” hatten.
Katharina sagte aus “[…] daz sie es am ersten mit eym finger darnach mit zwen und darnach mit dryen unnd am lesten mit dem holtz, daz sie zuschen ir pein gehalten het, geton habe”
und
“daz sie eyn instrument gemacht habe mit eym roden löschen ledder und fornnen mit baumwoll gefult und daruf eynn holts gestossen und eynn loch durch daz hölts gemacht mit eyner snwer dar dürch gezogen und also um sich gebunden unnd da mit ir gefert mit den zweyn weibern und die ir swester sin soll geschaft.”
Eine ihrer Partnerinnen berichtete: “het sie ir dar gegriefen und gefüelt, daz ez eynn ungefug dinck wer alß groß als eynn halber arme. Daz wer, alß sie besucht, hörnen und fornnen spietz und hinden wyt, damit sie sich ir kumen erwert.” und “Sie sagt auch, daz sie durch daz selbe ding harn.” und “Sie sagt auch daz sie der naturen so fil laß, daz uber die maß sye, daz man es mit hant fol uf hub.”
Zum Schluss heisst es also, das Katharina mit dem Dildo sogar urinieren und ejakulieren könne, das halte ich dann doch für eher unwahrscheinlich und eher der Fantasie der Zeuginnen unter massivem Druck der Befragung oder der Befragenden entsprungen.
1.2 Über den Fall von Bertolina “Guercia” aus dem 13. Jahrhundert in Italien hatte ich ja schon bei meiner ersten Rekonstruktion eines Seidendildos berichtet
1.3 Im Herbst 1502 wird in Valencia ein Dieb verhaftet, bei seiner Verhaftung stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine Frau handelt, die eine Anschnalldildo dabei hatte (? wie auch immer diese Verhaftung und Untersuchung vor sich ging?)
“carried a thing of a man, between her legs, made of leather […] having taken a woman as if she were a man” (Zitat gefunden in “Ornamentalism: The Art of Renaissance Accessories“, Seite 135 oder via Academia.edu, Liza Blake )
1.4 Aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts ist außerdem der Fall von Mary de Vitry/Germain de Vitry bekannt, der wohl eine Intersex Person war, die zunächst als Mädchen erzogen wurde und dann als Mann lebte. Ihn ereilte die Verurteilung zum Tod, weil er mit seiner Partnerin einen Dildo verwendete “Et fut pendue pour des inventions illicites à supplir au défaut de son sexe.” berichtet Michel de Montaigne in seinem Tagebuch
2. Eine wichtige Quelle zum Thema Sexualität im Mittelalter sind früh- und hochmittelalterliche Bußbücher. Das sind Werke, in denen für Priester Listen angefertigt wurden von Sünden, die sie bei ihren Beichtenden abfragen sollen und welche Bußen dafür vorgesehen sind. Unter ihren Beichtenden sind nicht nur normale Menschen, sondern auch viele Mönche und Nonnen.
2.1 Im 8. Jahrhundert findet man beispielsweise in einem Bußbuch (“Bußbuch des Bede”): “If nuns [fornicate] with a nun, using an instrument, seven years [penance]”
2.2 Auch im Bußbuch von Burchard von Worms finden sich Erwähnungen von Sexspielzeug:
“Hast du getan, was bestimmte Frauen machen, das ist, ein Gerät oder ein Objekt herzustellen in der Form eines Männlichen Glieds, in der Größe, die du begehrst und hast du es in deinem Genitalbereich befestigt oder an den Genitalbereich von jemand anderem mit irgend einer Befestigung und hast du verkehrt mit anderen Frauen oder haben andere mit so einem Instrument mit dir in dieser Weise verkehrt? Wenn du das getan hast, so sollst du Buße tun für 5 Jahre an den heiligen Tagen.”
und
“Hast du getan, was bestimmte Frauen machen und mit dem zuvor erwähnten Gerät mit dir selbst verkehrt? Wenn du das getan hast, so sollst du Buße tun für ein Jahr an den heiligen Tagen.”
3. Weitere reichhaltige Quellen zu historischer Sexualität sind die Schriften von Moralpredigern, die in ihren Gemeinden oder auf Reisen den gewöhnlichen Menschen beibringen sollen, was sie tun und lassen sollen, wenn sie später einmal ins Himmelreich kommen wollen:
3.1 Im 9. Jahrhundert beschreibt zb Erzbischof Hinemar von Rheims, wie Lesben miteinander Sex haben (seiner Meinung nach). “Sie fügen nicht ihre Geschlechtsteile aneinander, das würde die Natur ja nicht erlauben, sie tun unnatürliches, in dem – wie man hört – sie bestimmte Instrumente teuflischer Funktion verwenden, um Lust zu erzeugen.”
(„Wie man hört“ :-D)
3.2 Auch der Prediger Johann Geiler sagt im 15. Jahrhundert in einer seiner Predigten: „Darnach sein etliche also auff Geilheit geneigt, das sie ihre begirden mit wunderbarlichen instrumenten erfuellen, oder sieh den unvernuenfftigen Thieren underlegen, damit sie allein nur ihr unkeuschheit unnd unersettigkeit volstrecken.“
und
„Ein Weib wenn sie die scham von ihr leget, unnd den schemel under den Banck stosset, so ist es schon umb sie geschehen, unnd ist kein Ehrbarkeit mehr inn ihr. Vi, verfluochte frouwe, — verfluochte dierne“ (Hier finde ich besonders die Referenz zum einbeinigen Melkschemel spannend!)
4. In den Bereich medizinischer Werke fallen die Arbeiten von Albertus Magnus aus dem 13. Jahrhundert. Er schreibt: “Ab dem Alter von 14 Jahren, reiben sich Mädchen oft mit ihren Fingern oder anderen Instrumenten”
5. Den Abschluss unseres Text-Quellenreigens machen Gedichte, Mythen, Theaterstücke und Romane aus dem Mittelalter. Hier kann man sich wirklich zu Tode spekulieren mit zweideutigen Bezeichnungen und Metaphoren. Hat eine Romanfigur tatsächlich eine Wurst verspeist oder geht es in Wirklichkeit um andere Würste zwischen anderen Lippen? Zwei Quellen, die ich in der Hinsicht eher noch ernst nehme, sind:
5.1 Pietro Aretino – genannt der Vater der Pornografie – spricht in seinen Erotik-Romanen im 16. Jahrhundert von Dildos, speziell solchen aus Glas, die in seinen Geschichten mit warmem Wasser befüllt werden. Ob das tatsächlich Realitäten seiner Zeit beschreibt, bleibt dahingestellt. Auch in https://muse.jhu.edu/book/104428
5.2 Besonders ausführlich wird die Verwendung eines Dildos (auch aus Glas!) in diesem erotischen Gedicht aus dem 16. Jahrhundert von Thomas Nashe beschrieben:
“My little dilldo shall suply their kinde: A knaue, that moues as light as leaues by winde; that bendeth not, nor fouldeth anie deale, but stands as stiff as he were made of steele;”
(folgt dem Link zum Volltext, er ist einfach auch sehr unterhaltsam)
6. Archäologisch gibt es leider nicht so viel aus dem Mittelalter, was eindeutig als Dildo identifiziert werden kann.
6.1 Erhalten sind diverse sogenannte “Scherzgefäße” aus Glas in Penisform, von dem eines witzigerweise in einem Nonnenkloster gefunden wurde. Kurios ist, dass sie wirklich haargenau so aussehen, wie Pietro Aretino, von dem ich soeben gesprochen habe, sie beschreibt. Allerdings sind die Objekte derart dünnwandig, dass ich jedenfalls nicht empfehlen kann, sie härteren Belastungen zu unterziehen.
6.2 Diese drei Objekte aus einer mittelalterlichen Grabung aus den 60er Jahren in Bryggen (das ist eine Handelssiedlung im Hafen von Bergen in Norwegen) wollte ich euch in diesem Zusammenhang unbedingt zeigen. Es kann sich hier aber definitv auch um dekorative Schnitzereien handeln, man weiß es nicht. Ich möchte aber auf jeden Fall erwähnt haben, dass mittelalterliche Hafenviertel beliebte Rotlichbezirke waren ;-) :
Holzpenis Nr 1. aus Bugarden, datiert auf Ende 13. Jahrhundert, ursprünglich nach der Grabung einmal als Holznagel bezeichnet :-D
Holzpenis Nr. 2 aus Engelgarden, datiert zwischen 1200 und 1250
Holzpenis Nr. 3 aus Sostergarden, datiert zwischen 1332 und 1413
Hier noch einige ältere Fotos von Penis Nr. 3: https://digitaltmuseum.org/0210112404741/diverse-funn-fra-utgravningene-pa-bryggen und https://digitaltmuseum.org/0210112403194/diverse-funn-fra-utgravningene-pa-bryggen und https://digitaltmuseum.org/0210112403195/diverse-funn-fra-utgravningene-pa-bryggen
Und hier findet ihr noch einige weitere Informationen dazu: https://skeivekulturaar.w.uib.no/kategorier/tradisjoner/falloser/
7. Jetzt mögt ihr fragen, was ist mit Abbildungen? Abbildungen sind leider enorm schwierig, ich kenne keine Abbildung, die Frauen mit körperlosen Penisen zeigen, die man nicht als Allegorie/Karrikatur/metaphorisch interpretieren könnte. Selbst, wenn es eine Abbildung gäbe, in der eine Frau ein phallusähnliches Objekt in ihre Vagina einführt, könnten wir es trotzdem immer noch mit einer Karrikatur zu tun haben, die etwa zeigen soll, wie wollüstig Frauen sind, dass sie keinen Wert auf den Mann legen, der am Penis dran ist.
Beispiele von solchen Abbildungen gibt es zahlreiche. zB das Motiv des Penisverkäufers auf dem Markt (zu diesem Thema gibt es auch diverse humoristische Geschichten aus dem Spätmittelalter) oder die allseits beliebten und bekannten Penisbäume oder die Katze, die den Penis geklaut hat.
8. Und der Vollständigkeit halber möchte ich dann noch hinzufügen, dass es ja auch noch einen archäologischen Fund eines Lederdildos gibt, allerdings aus dem 18. Jahrhundert.
Diesen hat Till Kazper übrigens für Kaptorga repliziert.
Die Rekonstruktion
Für meine Rekonstruktion habe ich mich nah an die Beschreibung des Umschnall Dildos von Katharina Hetzeldorfer gehalten. Ein hölzerner Kern mit Loch hinten, roter Lederüberzug, die Spitze ausgepolstert, Bänder zum Umschnallen.
Den Holzkern hat mein Kollege Bernhard auf seiner Wippdrechselbank hergestellt. Im Originaltext steht, die Spitze war mit Baumwolle gepolstert, da diese sich aber sehr schnell zusammenballt und hart wird, habe ich mich für rohe Wolle entschieden. Darüber habe ich rotes Leder gezogen und festgenäht. Ich hätte gern getunnelt, dafür war aber das Leder zu brüchig (oder ich zu schlecht ausgebildet in Lederarbeiten). Die Naht liegt allerding schön flach und ich glaube nicht, dass sie größere Probleme bereiten würde bei der Verwendung.
Die Bänder kann man einmal um die Hüfte und zwischen den Beinen hindurch ziehen und am Rücken knoten, besonders stabil, wie es heutige Strap-ons sind, wird das Ganze nicht sein, den Anspruch auf technische Ausgereiftheit darf man aber, glaube ich, bei Gegenständen, die die Verwendenden zu Hause hergestellt haben, weil ein öffentlicher Verkauf absolut nicht möglich gewesen wäre, nicht haben.
Über weitere Hinweise zu Quellen über Dildos im Mittelalter freue ich mich wirklich sehr (info@wh1350.at oder per PN auf Insta), ich bin sehr interessiert daran, diese Sammlung hier zu erweitern.
Zum Weiterlesen:
Female Sodomy: The Trial of Katherina Hetzeldorfer, Helmut Puff, 2000
Transgressing the Boundaries of Holiness: Sexual Deviance in the Early Medieval Penitential Handbook of Ireland, England and France 500-1000 , Christine McCann, 2010
Frühmittelalterliche Penitentiaries
Gesundheitspflege im Mittelalter; kulturgeschichtliche Studien nach Predigten des 13., 14., und 15. Jahrhunderts, Ludwig Kotelmann, 1890
https://dspace.library.uvic.ca/server/api/core/bitstreams/9ddae939-fd05-48fd-a1f1-9fd95a97e4c8/content The Rise and Fall of Seigneur Dildoe: The Figure of the Dildo in Restoration Literature and Culture, Sandra Friesen, 2005
Herteig, Asbjørn E. 1969. Kongers havn og handelssete: Fra de arkeologiske undersøkelser på Bryggen i Bergen 1955–68
Women’s Secrets: A Translation of Pseudo-Albertus Magnus‘ De Secretis Mulierum with Commentaries, Helen Rodnite Lemay
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