Der Bommel-Spitzhut – Rekonstruktionsversuch um 1390

14.06.2026 von Rotschopf in Equipment und Sachkultur, Hutmacherei, Kleidung

Diesen Hut wollte ich wirklich eine lange Zeit schon machen. Nicht meine Darstellungszeit, nicht in meiner Darstellungsklasse, aber ihn machen, das hat mich massiv gereizt.

Cod. Ser. n. 2644, S 138: Tacuinum sanitatis: Perdices, Österreichische Nationalbibliothek“ (Nutzung)

 

Der erste Schritt ist dabei immer, nachzusehn, was es sonst noch an Quellen gibt für ähnliche Hüte und wie zu erwarten war, sind die meisten davon aus dem Tacuinum sanitatis

 

Quellen, die dazu sehenswert sind:

 

Wiener Tacuinum sanitatis, ÖNB Ser. n. 2644 (1380-1399)

Cod. Ser. n. 2644, S. 56: Tacuinum sanitatis: Spargus

Cod. Ser. n. 2644, S. 96: Tacuinum sanitatis: Siligo

Cod. Ser. n. 2644, S 111: Tacuinum sanitatis: Ertas

Cod. Ser. n. 2644, S 138: Tacuinum sanitatis: Perdices

Cod. Ser. n. 2644, S. 178: Tacuinum sanitatis: Vinum citrinum

 

Theatrum Sanitatis, Biblioteca Casanatense, Rome, MS 4182 (or MS 459), late 14th century

f. CI, Summer       (also here)

Aqua pluialis

Siligio

Perdices

 

Liege – MS 1041, Tacuinum sanitatis (1380-1400)

Man muss hier leider blättern, wichtig sind die Seiten 18, 57, 58 und 106

 

Tacuinum Sanitatis BNF – Ms. Lat 9333 (1445-1450)

BNF – Ms Lat 9333, fol 23r, Ibn Butlan, Tacuinum Sanitatis: Sparagus

BNF – MS Lat 9333, fol 85v, Ibn Butlan, Tacuinum sanitatis: Gelber Wein

BNF – MS Lat 9333, fol65v, Ibn Butlan, Tacuinum sanitatis: Rebhühner

BNF – MS Lat 9333, fol 52r, Ibn Butlan, Tacuinum sanitatis: Sommer

 

Außerdem: 

Nycolaus de Lyra, Postilla super libros Iosue, Iudicum, Ruth, Esdrae, Iob, Universitätsbibliothek Basel, A II 3, (ca. 1397), Folio 88 r

Anovelo da Imbonate, illuminator, around 1400. „Aimo and Vermondo go hunting“

Einzug Christi in Jerusalem, Glasfenster aus Kärnten um 1390, Stiftskirche Viktring

Runkelstein, Südtirol, Wandmalereien, spätes 14. Jahrhundert

MAESTRO IGNOTO Ciclo di affreschi (stile gotico internazionale), 1440-1450 c. Casino di Caccia Borromeo Oreno di Vimercate (MB) (gefütterter Strohhut)

Book of Hours, MS S.5 fol. 8r, 15. Jahrhundert

Rocca Albornoziana. Camera pinta. Affreschi, Spoleto, Perugia

Harvard University, Houghton Library MS Lat 250, um 1475

16. Jahrhundert?

Ich hab hier ein paar von den Quellen gesammelt, leider konnte man nicht alle pinnen

 

Ihr seht sicher in diesen Quellen, Strohhüte in konischer Form sind nicht ungewöhnlich, die Art von spitzen Hüten, die eindeutig jüdische Personen kennzeichnen in Abbildungen, habe ich wenn möglich heraus gehalten, davon gibt es natürlich noch jede Menge mehr. Gleich mehrere dieser Hüte weisen eine Art von „Schuppen“ als Struktur auf, die man sicher auch nicht schlecht nachstellen könnte mit einer Technik, die wie eine Art Reetdach gelegt wird (man kennt sowas zB von Basthüten aus der Jungsteinzeit), das fand ich aber etwas gar grob für einen Adeligen, der den offenbar verzierten und gefütterten Hut für seinen Ausritt verwendet.

Da ich aus den Lengberg Funden erhaltene Strohborten kenne, die andere Techniken aufweisen als die gängigen Zöpfe mit geraden Kanten, die man auch noch heute erhalten kann (es tut mir wahnsinnig Leid, ich habe leider keine Erlaubnis, die Fotos davon öffentlich zu zeigen), habe ich einen spekulativen Sprung zu einer Bortenform gemacht, die solche Zackenformen aufweist und ich persönlich bin von diesem Look sehr überzeugt. Um es klar zu sagen, diese spezielle Flechtung ist nicht aus Funden erhalten.

 

Gemacht habe ich die Form durch simples Zusammennähen der Borten, wie man das auch bei anderen Strohhüten macht.

Die „Puschel“ auf mehreren von diesen Hutmodellen habe ich als Pompons/Tasseln interpretiert und mit Krappgefärbten Seidenfäden rekonstruiert und aufgenäht. Die rote Linie am Rand des Huts habe ich als Seidenfütterung verstanden, die Seide ist gefärbt mit Brasilholz in einem leicht anderen Farbton, ich finde aber trotzdem dass es gut passt. Zwei Bändel aus der gleichen Seide sorgen für Halt.

 

Womit ich tatsächlich gekämpft hab, das war die Frage, wie die Feder auf dem Hut angebracht ist. Klar, man könnte sie einfach ins Stroh stecken. Das war mir aber dann echt zu banal. Funde oder detaillierte Abbildungen zu Federhaltern für Hüte kenne ich keine, lediglich für Helme sind solche nachweisbar. Nur hin und wieder ist einmal eine Art goldene/gelbe Fassung angedeutet auf Abbildungen.

Also habe ich mich auch hier wieder aus dem Fenster gelehnt und eine vergoldete Nestelspitze als Federhalter entfremdet. In den Hut gesteckt und festgenäht tut sie genau das, was ich von ihr brauche. Die Feder selbst ist natürlich Strauß, ich denke, das gibt auch die Originalabteilung her.

Und so sieht das Ganze also dann angezogen aus:

 

Die Frage bleibt, was ich nun damit mache. Ich hab nichts, was ich dazu anziehen kann und keine Verwendung dafür. :-D

 

 

Verwandte Beiträge

Die folgenden Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren:

Das gemeine/heimliche Wip – Eine Sexarbeiterin aus Wien im 14. Jahrhundert

Ach komm, einer geht noch für die #pluckingroses Challenge. :-D  Hier also ein „gemeines Weib“ (oder auch heimliches Weib) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Die Haarlocke als Liebesgeschenk

Heute möchte ich mit euch über ein besonderes Material mittelalterlicher Sachkultur sprechen, über menschliches Haar.

Ein neuer Strohhut

Nachdem ich glücklicherweise eine neue Quelle für Hutstroh aufgetrieben hatte, konnte ich endlich wieder meinem liebsten Handwerk nachgehen, dem Hutmachen. Und zwar hab ich das auf den Mittelaltertagen Bad Windsheim gemacht, wo ich von lieben Freunden aus Deutschland eingeladen war, als „Newbie“ einzusteigen. Ich habe mich für ein eher klassisches Modell entschieden, aber mit einem […]