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Historische Farben

Da die Frage mir in diversen Foren und Facebookgruppen so derart oft unterkommt, habe ich mich aufgemacht, hier ein paar mögliche Mischungen von Farben für die praktische Anwendung im Hobby anzuführen, die historisch belegt oder im Mittelalter nachweislich erhältlich sind.

Bevor ich hier anfange möchte ich noch einmal auf die Literaturtipps und die Verweise auf ganz am Ende des Artikels aufmerksam machen, diese haben mir unheimlich viel beigebracht.

Zu den einzelnen Mischungen: In der Malerei gibt es keine festen Regeln. Jeder Maler findet für seine Anwendungen seine eigenen Mischungsverhältnisse, Rezepturen und für jeden Zweck die richtige Konsistenz für seine Arbeit. Es gilt, sich und das Material auszuprobieren. Lernt die vorgegebenen Mischungen und ihre Eigenschaften kennen und versucht dann selbst, eure Mischungen zu finden.

 

Vorbereitung der Oberfläche:

Viele Oberflächen (Holz, Papier, Pergament, Leinwand) kann man mit der Anwendung von Gesso vorbereiten auf den Farbauftrag. Gesso kann aus verschiedensten Mischungen bestehen. Meist nutzt man Kreidepulver, weißes Pigment (Bleiweiß) oder Gips und mischt dieses mit Leinöl-Standöl oder Hautleim in viel Wasser gelöst. Die Oberfläche wird dadurch weißer, die Farben darüber brillianter. Und die Farbe erhält einen besseren Untergrund für die Anhaftung.

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Vorzeichnungen:

Kohlestifte:
Diese gibt es im Künstlerbedarf, oft auch im ganz normalen Schreibwarenhandel zu kaufen, meist handelt es sich dabei um verkohlte Weidenzweige, die schlicht gekürzt und in die Packung verfrachtet werden. Achtung, diese Stifte sind sehr fragil.

Rötel:
Heute erhält man Rötelstifte meist als Minen in Holzfassungen. Früher nutzte man einfach den stiftförmig geschlagenen Rötelstein
Achtung, sowohl Rötel als auch Kohle sind nicht wischfest und können für sich allein nicht auf dem Untergrund haften auf Dauer.

Silberstift:
Diesen kann man auf diversen Unterlagen nutzen, seine Hochzeit hat der Silberstift vor allem im 15ten Jahrhundert . Damit er auch Linien zeichnet, muss der Untergrund mit Gesso behandelt sein, das idealerweise Gips und/oder Eigelb enthält, die chemischen Eigenschaften dieser beiden Zutaten lassen das Silber schneller oxidieren, so dass die Linien nach Auftrag auf den Untergrund dunkler werden.

Bleistift:
Dabei handelt es sich sprichwörtlich um einen Stift aus Blei, der in einer Halterung aus zB Knochen steckt, den man wie den heutigen Bleistift (aus Graphit) benutzen kann.

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Farbbasen:

(diese werden dann mit den Pigmenten vermischt)

Vollei:
Eine der einfachsten und in der Natur am leichtesten zu findenden Farbbasen ist ein Ei. Hierbei kann man entweder das volle Ei oder nur Eiweiß oder nur Dotter nehmen. Dotter ist sehr viel fetthaltiger als das Eiweiß, das verlangsamt die Trocknung, macht die Farbe aber geschmeidiger und flexibler (z.B. für die Anwendung auf Textilien). In jedem Fall muss das Ei vor der Verwendung für feinere Arbeiten sehr gut gesprudelt werden, Cennino Cenini empfiehlt, es mehrmals durch einen feinporigen Schwamm zu drücken, um alle Schlieren loszuwerden (aus heutiger Sicht, ist das hygienisch gesehen keine gute Idee, den Schwamm sollte man danach jedenfalls entsorgen).  Eifarbe haftet sehr gut auf fast allen Untergründen, das Gelb des Dotters verschwindet nach kurzer Zeit und beeinträchtigt die Farbe nicht.

Im Eidotter enthalten ist übrigens ein natürlicher Emulgator, der bei allen möglichen Mischungen von Farbbasen eine Vereinigung von Öl und Wasser ermöglicht.

 

Eitempera:
Klassischerweise ist Eitempera die Mischung von je einem Teil Vollei und einem Teil Öl (zB Leinöl). Nach Bedarf kann man in diese Mischung noch 1 Teil Wasser dazu geben. Eitempera funktioniert auf fast allen Oberflächen, hält auch gut auf Metalloberflächen und wird von vielen Malern gern verwendet, da Aufträge in verschiedensten Stärken möglich sind.

ACHTUNG SCHILDBEMALER! Belegbar für historische Schilde ist die Bemalung mit Eitempera auf Kreidegrund.

 

Ölfarbe:
Hier wird einfach Öl mit den Pigmenten vermischt. Wenn man Öl längere Zeit offen stehen lässt, beginnt es fester und dicker zu werden (fragt mich nicht wie, irgendwie kristallisiert da wohl etwas im Öl aus), das funktioniert bei Leinöl ganz besonders gut. Von einer fast wasserartigen Konsistenz bis zu einer harzartigen dicken Paste kann man hier alles haben. Wenn man das Öl in die Sonne stellt, geht die Verdickung schneller. Das nennt man dann übrigens Standöl.

Ölfarbe trocknet sehr langsam und benötigt in manchen Fällen Monate, um völlig auszuhärten, verursacht auf Textilien leichte Fettränder, die sich aber mit der Zeit geben, macht einen unheimlich schönen und brillianten Farbauftrag und hält nach dem Aushärten bombig.

Achtung, für Wandmalerei sind fetthaltige Mischungen nicht gut geeignet, besonders Ölfarbe wird, wenn sie der Witterung und der Sonne ausgesetzt ist, auf Dauer bräunlich-dunkel und das Gemälde ist verdorben.

 

Kaseinleim:
Hier mischt man Milchprotein mit einem Aufschlussmittel, generell gesagt. Das Protein kann von diversen Milchprodukten kommen, zB Milch, Quark/Topfen oder ähnlichem, man wählt hier je nach Konsistenz aus. Je magerer das Milchprodukt (weniger Fettgehalt), desto besser. Man verwendet Kaseinleim zB auch für feine Bildhauerarbeiten als Klebstoff.

Als Aufschlussmittel verwendet man heutzutage Borax. zB in der Plaka-Farbe, die man auch überall zu kaufen bekommt oder auch in den Fertig-Kasein-Mischungen.

Im Mittelalter hätte man wahrscheinlich Kalk verwendet. Bitte Achtung, hier sollte man gelöschten Kalk verwenden, keinen Brandtkalk. Mischt man Brandtkalk mit Wasser/Wasserhaltigem, entsteht eine heftige Reaktion (Achtung, bei unachtsamem Umgang und größeren Mengen saumäßig gefährlich!), die meist nach ein paar Minuten abgeklungen ist. ABER was wir nicht sehen ist, dass im Kleinen der Kalk noch Wochen, Monate oder Jahre nachreagiert, wenn man den Kalk also zu frisch gelöscht nimmt, zerstört er auf Dauer die Farbe durch diese Reaktion. Je länger der Kalk im Wasser war, desto länger hatte er Zeit, sich „abzureagieren“. Im Bauhandel erhält man zB 1 Jahr lang gelagerten Löschkalk (Sumpfkalk), gute Maler verwenden aber bis zu 15 oder 20 Jahre lang gelagerten. Klarerweise kostet so lang gelagerter Kalk sein Sümmchen, für Gegenstände, die man aber nur fürs Hobby braucht, sollte 1-2jähriger den Zweck erfüllen.

Als Faustregel verwende ich 5 Teile Magerquark auf 1 Teil Kalk und verdünne dann mit Wasser nach Bedarf. Der Quark wird durch den Kalk zu einer dünneren Paste, ähnlich Creme Fraiche und riecht komisch J Lasst die Mischung bei Zimmertemperatur noch etwas stehen, ½ – 2 Stunden, dann wird die Konsistenz besser und Klümpchen lösen sich auf.

Für die Verwendung auf Stein, Holz oder anderen, eher rauhen Oberflächen eignet sich Kaseinfarbe sehr gut.
Das Farbergebnis hat anschließend einen leicht „speckigen“ Glanz.

 

Haut- und Knochenleim:
Knochen- oder Hautleim funktioniert auf der Basis von Mehrfachzuckern, die in vielen Organischen Substanzen enthalten sind. Diese bekommt man durch das Kochen von Knochen und tierischen Resten in Wasser heraus. Wenn man diese tierischen Bestandteile sehr lange kocht und das Wasser verdunsten lässt, erhält man Gelatine, so machte man früher zB Sülze. Genau die gleiche Substanz benutzen wir hier als Klebstoff.

Man kann diese Gelatine entweder selbst machen oder – wie ich – bequem als Granulat im Künstlerbedarf kaufen, das man dann nur noch mit heißem Wasser anrühren muss. Wie dick ihr den Leim verwendet, kommt auf die Anwendung an, man sollte aber bedenken, dass sich die Leime bei der Trocknung noch zusammen ziehen und auf glatten Oberflächen (Metall zB) daher gerne mal abblättern, weil sie nicht fest genug mit dem Grund verankert sind, je dicker der Auftrag, desto einfacher bröckelt es.

ACHTUNG SCHILDBEMALER! Ich persönlich habe für das Schildbemalen die besten Erfahrungen gemacht mit stark mit Wasser verdünntem Hautleim, der fast schon wässrige Konsistenz hat, der Auftrag wird schön dünn, blättert nicht ab und verändert die Farbe nicht.

 

Wachs:
Bei der sogenannten Enkaustik werden Pigmente zunächst in Bienenwachs gemischt mit verschiedenen Anteilen an Terpentin/Kiefernharz/Balsamöl gelöst und dann – ggf. leicht erwärmt – aufgetragen. Mit heutigen Enkaustikfarben hat das nicht mehr viel zu tun. Die Konsistenz dieser Farbbasis kann bei Zimmertemperatur von wachsartig oder harzig bis fast wässrig gehen. Solche Farben eignen sich z.B. sehr gut für die Einfärbung von Rillenschnitzereien in Knochenplatten oder für die Bemalung von Holzoberflächen, beispielsweise wurde sie oft für die römischen Mumienportraits aus Ägypten verwendet. Die Farbe wird schön brilliant und ist sehr gut haltbar.

 

Gummi Arabicum:
Auch das ist ein Leim, allerdings ein Pflanzlicher, der aus bestimmten Akazienarten gewonnen wird. Man verwendet es vor allem als Zusatz zu anderen Farbbasen, um das hinzugegebene Pigment zu binden, auch kann man damit Pigment in wässrigen Basen binden, so dass es sich beim Trocknen nicht unschön an Rändern absetzt. zB in Tinten. Darum gehört es auch zum Standardequipment von Buchmalern.

 

Kalkwasser:
Diese Farbbasis wird eigentlich nur für Frescomalereien verwendet. Hier löst man wenig Kalk in normalem Wasser und mischt die Pigmente hinein. Der Untergrund der Freskomalerei besteht aus Sand und ebenfalls Kalk und ist noch feucht. Trägt man darauf also die in Wasser gelösten Pigmente auf und lässt das Ganze trocknen, kristalisiert der Kalk aus, die Kristalle wachsen in den Grund hinein und um die Pigmente herum und verankern die Pigmente somit fest auf dem Untergrund. Deswegen halten Fresken auch Jahrhundertelang so gut. Der Farbauftrag wird dabei duftig und weich durch die Lichtbrechung, die der Kalk verursacht.

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Pigmente:

Hier möchte ich einige Beispiele für Farbpigmente geben, die im mittelalterlichen Europa erhältlich waren:

Rot:
Roten Ocker gibt es in zahlreichen Farbschattierungen, er ist günstig und fast überall zu finden
Dunklere rot- bis auberginefarbene Töne kann man aus Eisenoxid gewinnen, ein tiefes rot aus Hämatit oder Drachenblut. Krapp- und Kermeslack sind weitere Möglichkeiten.

Braun:
Brauner Ocker ist einfach überall zu bekommen in den verschiedensten Schattierungen von hellem Sandbraun bis fast schwarz

Gelb:
Auch die verschiedensten Gelb- und Orangetöne lassen sich mit Ockererden machen

Grün:
Für Grün kann man entweder mit Grünspan oder mit grüner Erde (zB Veroneser Erde) arbeiten, Mischungen aus blauen und gelben natürlichen Pigmenten geben natürlich auch verschiedene grüntöne.

Blau:
Blau ist die teuerste Farbe im Mittelalter. Hier kann entweder geriebener Azurit oder Lapislazuli verwendet werden, wobei ersterer ein helleres, grünstichigeres und zweiterer ein dunkles Meerblau machen. Man kann diese Pigmente noch heute erhalten, sie kosten aber ein kleines Vermögen, weswegen ich sie immer ersetze durch modernes Pigment. Cenini erwähnt „Bagdad Indigo“ als Farbe, um Azurit zu imitieren.

Weiß:
Im Original aus Bleiweiß. Da dieses jedoch giftig ist, rate ich dazu, moderne Weißpigmente zu verwenden, zB Zinkweiß

Schwarz:
Ruß, verkohlte Knochen oder andere Kohlebasen sind ideal für ein tiefes Schwarz und lassen sich mit fast allen Basen mischen

Lila:
Lila ist leider sehr schwer herzustellen, die Mischung natürlicher Rotpigmente mit Blaupigmenten ergibt ein schlammiges braun, durch die Mischung von Eisenoxidrot mit weißem Pigment kann allerdings eine rotstichige Fliederfarbe erzielt werden. Cenini empfiehlt Indigoblau und Krapplack oder Indigoblau und Hämatitrot als Mischung. Weiters kann man violett durch Lasurtechniken erreichen.

Neben den erwähnten Pigmenten können auch noch fein geriebene Metalle (Gold, Silber) und Halbedelsteine zahlreiche weitere Farbnuancen bieten.

Hier eine Übersicht historischer Pigmente.

Für alles rund um Pigmente kann ich die Abteilung für historische Farben von Kremer Pigmente wärmstens empfehlen, die bei Nachfragen auch fundierte Information zu ihren Produkten und deren historischer Anwendung geben können.

 

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Weiterführende Literatur:

Toller Link zu Schildbemalung

Cennino Cenini – Libro dell’arte, zB in der Übersetzung von Daniel Thompson

Max Doerner – Malmaterial und seine Verwendung im Bilde

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