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Das gute Kleid – ein geknöpfter Rock aus den 1350er Jahren

Seit 7 Jahren trage ich nun also meine naturfarbenen, praktischen Kleider und verrichte den Tag über schmutzige Arbeiten, schmier meine dreckigen Hände in die Wolle und flicke hier und dort meine Mottenlöcher und Risse.

Irgendwann will ich aber auch mal so hübsch und farbig rumlaufen wie die Kollegen im Verein und drum kündigte ich nun seit einigen Jahren an, ich werde mich nun auch mal endlich an meine Mittelschichtlerin machen, meine Bürgerin. Und nachdem die Kollegen jetzt 3 Jahre nur geschmunzelt haben und „Jaaajaaa, du mit deiner Bürgerin“ gesagt und ich ein Jahr mit der problematischen Bestellung des passenden Stoffes rumgeschissen hab, konnte ich endlich das Kleid umsetzen.

Startpunkt ist immer erst mal Bildquellenrecherche. So here it is…

Zwei Liebende aus dem Concordantiae Caritatis um 1349

Codex 2069 Maria Laach, fol 24v 

Ein grünes Kleid

Speculum Humanae Salvationis

Klosterneuburger Evangelienwerk um 1340

Graduale cisterciense, Breisgau, Deutschland um 1340-1350

Gurker Dom um 1340   und noch mal mit Knöpfen

Speculum Humanae Salvationis, Wien, ÖNB cod.s.n.2612 um 1330-1340   Und noch mal

 

Wie man auf den Abbildungen schon erkennen kann, in Österreich ist Abbildungsmäßig leider nicht so viel los mit modischer Kleidung, während außen rum eine Menge passiert, insbesondere im deutschen Raum. Die drei wirklich großen illustrierten Werke aus Österreich um die Mitte des 14. Jahrhunderts, das Lilienfelder Concordantiae caritatis, die Biblia Pauperum aus Klosterneuburg und das Klosterneuburger Evangelienwerk (heute in Schaffhausen), sind sehr konservativ gestaltet, ja fast schon altertümlich, was die Kleidung der Frau angeht, während sie im Bereich der männlichen Mode sehr gut Schritt hält mit Zaddeln, Knöpfen, modischen Rocklängen und engen Schnitten. Derweil tut sich nicht so weit weg doch einiges in der Frauenmode und auch einige wenige realistischere Abbildungen aus dieser Zeit und von 10-20 Jahre früher und später lassen erahnen, dass es doch nicht so tragisch langweilig war, wie uns diese Werke aus dem geistlichen Bereich einreden wollen und weibliche Mode war doch einiger Veränderung unterworfen. Und kein Wunder, waren wir hier doch großen Einflüssen aus dem italienischen und böhmischen Raum ausgesetzt und die Habsburger dieser Zeit durch Heirat doch eng vernetzt mit Gegenden wie Burgund und Prag.

Ausgangsmaterial war ein hübscher, meergrüner Köper vom Färbehof, eine Doppelfärbung aus Reseda und Indigo und dadurch schon leicht an der Oberfläche angefilzt, was nett ist für Versäuberungen, weil der Stoff nicht so arg ausfranst.

  

Genäht habe ich mit pflanzengefärbter Seide von Archäotechnik Textile Fläche. Für Knopfleisten und Saum-Versäuberungen habe ich pflanzengefärbte violette Seide, ebenfalls vom Färbehof verwendet.

  

Ich entschied mich für einen enganliegenden Schnitt mit Knöpfung bis zum Nabel und am gesamten Unterarm und einen weit fallenden Rockteil.  Für die Schnittlegung habe ich mich an den taillierten Kleidungsstücken der Herjolfsnesfunde orientiert und versucht, ein bisschen mehr zu wagen mit der Tiefe der Armkugeln, die aber dann am Körper nicht so brutal aussehen wie am ausgezogenen Stück. Hier sieht man meine seitlichen Geren und meine Frontknöpfung, in die ich die Taillierungen eingearbeitet habe:

         

Über 60 Knöpfe habe ich hier verarbeitet. Die Knöpfe haben wir nach Vorbild des Wiener Neustädter Schatzfundes fertigen lassen, sie sind somit so regional wie nur möglich.

Angebracht habe ich sie auf mit Seide verstärkten Leisten, wie man sie in den Londonfunden sieht und auf der Gegenseite Knopflöcher, wie man sie bei den Londonfunden zB sehen kann oder bei diesem etwas regionaleren Fund aus Süddeutschland aus dem 15. Jahrhundert oder hier aus Estland.

Auch den Halsausschnitt und Saum habe ich mit Seide hinterlegt, was einen wirklich hübschen, scharfen Abschluss macht.

Die Länge hab ich vorne mit einer kleinen Überlänge und hinten mit einer bescheidenen kleinen Schleppe gestaltet, denn wie Heinrich der Teichner bemäkelt, waren Überlängen und Schleppen eine verschwenderische Unart der eitlen Frauen: „nu dunkcht mich ains peser vil / die grossen säm an chlaidern niden / die solt man hin fuder liden / unn machtz oben für die prust/“

 

Naja, ganz reichts noch nicht zur Bürgerin, da muss ich noch etwas an den Accessoirs feilen, die ich aktuell nur ausgeliehen habe (Messer, Schuhe, Strümpfe, Schleier, eine hübsche Brosche, die ich mir hier nur ausgeliehen hab) und ein schönes Suckel muss her, aber die Frau eines gutgestellten Handwerkers ist hier zumindest schon mal drin.

 

 

Mehr lesen: 

Allgemeines zum Frauenrock der 1350er Jahre 

Schnitt anpassen für einen 1350er Rock

Ein weiterer Rock der 1350er Jahre mit Geren nach Vorbild des Moy Bog Garments