Praktisch, altmodisch, anständig – Ein Suckl aus dem 14. Jahrhundert

Bei der Rekonstruktion von mittelalterlichen Lebenswelten und insbesondere mittelalterlicher Kleidung gilt es immer, eine feine Balance zu bewahren. Grade wenn man keine 20 mehr ist, stellt sich bei der Suche nach dem realistischen Bild einer Zeit für den Besucher auch immer die Frage nach den Figuren der mittelalterlichen Gesellschaft, die nicht der aktuellsten Mode gefolgt sind, die körperlich arbeiten, stark religiös sind oder generell eher konservative Ansichten pflegen. Dass es Menschen mit konservativem Blick auf modische Strömungen gibt, das stellen wir ja immer wieder fest, wenn wir zeitgenössische Moralschreiber heranziehen, wenn wir Luxusgesetze und Kleiderordnungen konsultieren und wenn wir Erbregister und z.B. weltliche Briefkorrespondenz lesen.

Aber die Entscheidung, welche Kleidungselemente zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Region als konservativ oder fashion-forward wahrgenommen wurden, ist immer eine schwierige. Man wägt zwischen weltlicher und religiöser Malerei, zwischen dem, was Moralschreiber anprangern und was sie befürworten, zwischen lokaler Tradition und ausländischen Einflüssen.

Gerade plane ich an einem modischen, ziemlich ungewöhnlichen Kleidungsstück für meine Handwerkersfrau um 1350 und bei der Recherche bin ich auch über viele, viele Abbildungen gegangen, die sehr viel rückständiger waren, als das in anderen Ländern zu dieser Zeit schon möglich war, was man vereinzelt auch schon in der lokalen Kunst sieht. Ohne Frage gibt es auch noch diese Strömungen in der Modewelt meiner Zeit.

Ich beschloss daher, um mein Repertoire zu erweitern, müsste ich auch eine Variante des Suckls machen, das diese Weltsicht widerspiegelt und habe dieses dazwischengeschoben.

Folgende Vorlagen waren dabei vor allem meine Vorbilder:

Lilienfelder Chronik um 1349: Hier und Hier und Hier
Dabei handelt es sich eben um eine frühe Form des Löffelärmel Suckls, auf die Seite gestreckt sehen die Löffel fast noch wie schräg geschnittene Ärmel aus, von vorne sieht das aber schon aus wie ein kurzer Lappen. Ganz deutlich sieht man hier den weiten, faltigen Fall des Gewands. Dem Argument, dass der Maler hier einfach nicht gut Kleider malen kann, möchte ich dieses Bild hier aus dem gleichen Werk entgegenstellen, das einen Herren aus der gleichen Zeit mit deutlich engaliegenderem und langlöffligerem Suckl zeigt.

Auch in anderen Werken der Zeit zwischen 1340 und -50 sieht man weite Überkleidvarianten, die keine große Körperanpassung vorweisen und ab der Brust sehr locker und weit fallen, fast noch wie im 13. Jahrhundert. Zum Beispiel hier und hier und hier und hier und hier. 

Umgesetzt habe ich es mit einem denkbar einfachen Schnitt, der die 3 Meter Wollköper, die ich hatte, ideal ausgenutzt hat. Hier mein Zuschnittschema (ich hab mir vorgenommen, das jetzt immer mit zu zeigen, weil ich immer wieder Leute treffe, die so kompliziert denken beim Zuschnitt und ohne professionelles Schnittmuster nicht weiter wissen, wo es doch wirklich sehr einfach ist und zumindest im Zuschnitt nur Rechtecke und Dreiecke gebraucht werden, die dann am Körper noch einmal tailliert werden bei Bedarf):

Den Stoff voll auszunutzen bedeutet allerdings auch, keine Fehler machen zu können, denn da bleibt wirklich nichts außer Futzel übrig. Hat mich einiges an Nerven gekostet während des Nähens, weil ich einen kleinen Fehler beim Zuschnitt der Ärmel gemacht hatte und noch irgendwo einen größeren Ärmelkeil rauskitzeln musste. Und so wird das dann zusammengesetzt:

Wie man die gerade geschnittenen Ärmel in die Armlöcher einsetzt, das habe ich hier mit Skizzen erklärt.

Material ist pflanzengefärbter Wollköper und pflanzengefärbte Seide für die Fütterungen, genäht habe ich mit Pflanzengefärbtem Seidenfaden. Die Nähte habe ich Schmetterlingsversäubert. Und hier das Endergebnis in der winterlichen Tundra der windigen Donauauen. Ich war beim Sichten der Fotos erleichtert, dass ich darin nicht so fett wie befürchtet aussah. Etwas, was ich gewöhnlich hinnehme im Hobby, wovon ich aber an sich nicht so begeistert bin :-D Aber der Fall ist mir hier wirklich sehr schmeichelnd gelungen, auch durch die gut sitzenden Ärmel.

Ich habe für die (von meinem Mann wirklich toll gemachten) Fotos absichtlich einen relativ konservativen Schleier mit Kinnbedeckung gewählt, gewöhnlich hätte ich bei solchen Temperaturen eine Damengugel an, die taucht aber in der Zeit eher noch bei als modisch präsentierten Frauen auf. Aber dabei hatte ich sie. Könnte in der Kombination zB als fashion-forward Mitt- 1330er Darstellung durchgehen.

Verwandte Beiträge

Die folgenden Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren:

Das gute Kleid – ein geknöpfter Rock aus den 1350er Jahren

Seit 7 Jahren trage ich nun also meine naturfarbenen, praktischen Kleider und verrichte den Tag über schmutzige Arbeiten, schmier meine dreckigen Hände in die Wolle und flicke hier und dort meine Mottenlöcher und Risse. Irgendwann will ich aber auch mal so hübsch und farbig rumlaufen wie die Kollegen im Verein und drum kündigte ich nun […]

Ein Sonntagskleid in Rot-Blau

Eigentlich sollte ich mich schämen, dass ich solange an diesem Projekt herumlaboriert habe… Immerhin habe ich den Stoff damals in Hartberg, also vor ca. einem 3/4 Jahr bereits in einem hellen krapprot gefärbt gehabt – und der Großteil war bereits im Januar verarbeitet. Aber ihr kennt das sicher: Versäubern ist ein nervenaufreibendes Geduldsspiel ;)

Historische Schnitte anpassen – 1350 Cotte/Rock

Schnittvorlagen aus dem frühen 14. Jhdt gibt es leider nur wenige. Die einzig brauchbare, die ich kenne, sind die Herjolfsnes-Funde, die aber – angewendet – ein Kleidungsstück ergeben, das den Abbildungen unserer Region und Zeit recht ähnlich sieht. Leider ist es so, dass man bei diesen Kleiderfunden nicht genau sagen kann, wie die Passform am […]