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Neues aus dem mittelalterlichen Wien.

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Eine Dekade WH1350 – Und jetzt?

25.08.2021 von Rotschopf in News, Über uns

2021 ging ins Land, da saß ich zu Hause, den Lockdown hütend und griesgrämig. Ich feiere heuer mein 10jähriges Hobbyjubiläum und alles was ich wollte, war das Hobby endgültig hinzuschmeißen. Ich hatte keine Vision für meine Darstellung, keine Vision für meinen Verein, keine Vision für unsere Projekte. Die letzten Jahre hatte sich um mich herum immer weniger getan, meine Reenactorstammtische blieben unbesucht, keiner schien mehr mitzuziehen, ich habe Veranstaltungen teils allein geschupft und in der Pandemie fielen die dann auch noch aus. Kinder, Studienabschlüsse, Jobs und Motivationslosigkeit crashten auf meinen Optimismus und Idealismus und meine große Liebe zum Hobby und es ging mir mieserabel damit.

Solang ich im Hobby war, hatte ich immer eine Gruppe, haben wir uns gegenseitig gepusht und gezogen und ich hab diese Dynamik sehr genossen. Klar hab ich viel auch selbst erarbeitet, aber die Motivation kam von der Gemeinschaft. Die großen Ideen, die einmal waren, können nur von einer Vielzahl an Mitstreitern getragen werden und die blieben schlicht aus.

Und so hab ich das letzte Jahr, die letzten anderthalb Jahre viel darüber reflektiert, wies weitergehen soll, was die Essenz meines Tuns ausmachen soll. Wozu ich noch willens bin.

Ich bin in einer Zeit groß geworden, da konnte man auf Youtube noch kein Geld verdienen, da wurde Content noch von einigen völlig durchgeknallten Idealisten produziert. Da war Wikipedia noch ein kleines Projekt von Verrückten und Wissensweitergabe war geleitet von einem Open Source Gedanken, den die Geburt des Informationszeitalters mit sich brachte. Und ich bin in einer Familie groß geworden, da war Ehrenamt ein Selbstverständnis, da engagierte man sich in Vereinen, Bibliotheken und Museen. Ganz umsonst.
Und dementsprechend war mein Zugang zu diesem Hobby auch immer ein altruistischer. Ja, ich war natürlich auch daran interessiert, ein bissl Auszeit zu bekommen, mein eigenes Wissen zu erweitern, aber ich wollte auch immer vermitteln, wollte zeigen, wollte weitergeben, hab Verantwortung empfunden für mein Tun und wollte einen Beitrag leisten für die Gesellschaft. Entsprechend fiel auch meine Berufswahl im Kultursektor aus. Mit meiner Lebenszeit etwas sinnvolles anfangen. Das war immer mein Leitgedanke.

Und unter diesen fiel auch der Entwurf dieses Blogs. Ich selbst hatte in meiner Anfangszeit massiv von anderen Ressourcen online profitiert (Danke Tempora Nostra, danke Tempus Vivit, danke Diu Minnezit!) und wollte, dass andere Anfänger einmal auch von mir lernen können, was ich mir erarbeitet habe. Die Idee, jeder andere müsse es gleich steinig haben, wie ich selbst, fand ich immer befremdlich. Ich wollte nicht der A-Papst sein, ich wollte nicht nur kritisieren, ich wollte auch Handwerkszeug mitgeben, wenn ich kritisiert hab. Das gelang nicht immer, aber es war zumindest mein Ideal. Und so habe ich alles mitdokumentiert, was ich gemacht habe, hab meine Quellen offen gelegt, meine Inhalte aufbereitet. Gratis, für jeden, ders haben wollte. Ob er mich nun leiden konnte oder nicht. Du findest mich persönlich scheiße? Kein Problem, hier ist trotzdem ne Literaturliste zu dem Thema. Über 400 Artikel sind es mittlerweile und die Tendenz ist steigend.

Dieses Jahr durfte ich Teil der Zeitstrasse Schloss Lenzburg in der Schweiz sein und wie immer, wenn ich mal weiter weg bin, nehmen viele liebe Menschen, die ich im Internet kennen gelernt habe (oder die mich dort beobachtet haben), die Gelegenheit wahr, dass wir uns einmal kennen lernen können und ich freue mich immer wie ein Wuzerl über jeden, der zu mir kommt und meinen Blog kennt, auch wenn ich vermutlich immer drein schau wie das Reh im Walde und rot werd wie ne Tomate, weil ich immer noch der Meinung bin, ich werde massiv überschätzt. Ich stehe immerhin auf den Schultern von Riesen, die all das, was ich mache, schon vor 20 Jahren gemacht haben, die scheiße gute Darstellung schon gemacht haben, als ich noch in die Hosen geschissen hab. Die Freilichtmuseen nicht nur renoviert, sondern aufgebaut haben, die Schiffe über Ozeane gesegelt haben und zu Fuß die Alpen überquert und ihre Klamotte selbst handgesponnen, handgewebt und Pflanzengefärbt haben. Und der Grund, warum ihr mich kennt und die nicht, ist, dass ich so laut drüber rede, was ich so den ganzen lieben langen Tag mache. Es sind oft die stillsten, die im Hintergrund, die die über die Jahrzehnte tiefenentspannt geworden sind, die die besten Leistungen abliefern und darunter bin ich lang noch nicht. Und rings um mich rum sind all die aktiven, die ich zutiefst bewundere, die gleiche und bessere Arbeit leisten wie ich, die ganz wunderbare Projekte aufziehen, die ich auf Veranstaltungen ansabbere und be-Fangirle. Aber das, was ich hab, das was ich geben kann, das geb ich gern.

Und da war dann auch ein junger Bursch, der ganz frisch ins Hobby einsteigt und sich von uns inspirieren hat lassen. Da geht einem wirklich das Herz auf. Da weiß ich dann wieder, wofür ich das mache. Und diese Veranstaltung hat mir dann auch ein Gefühl zurück gegeben, das ich schon lang nicht mehr empfunden hab. Sinn. Ich war da komplett allein, mit all meinem Gerümpel und Zeltzeug und meiner Darstellung und meinem kleinen Displaytisch und Bänkchen und ich bin gut klar gekommen und die Leute waren so interessiert und wollten wirklich wissen, was ich zu sagen habe. Und dafür hab ich eigentlich sonst niemand mehr gebraucht. Ich kann auch funktionieren, wenn ich nicht unterstützt werde, ich kann auch schreiben, wenn niemand sonst schreibt. Ich kann auch recherchieren und nähen, wenn keiner dabei ist. Und das gibt mir ganz neue Kraft, die Frage nach der Gesellschaft von anderen entspannter zu behandeln, die Zukunft so zu planen, dass sie meinen Idealen und Möglichkeiten entspricht. Und andere dazu einzuladen, mitzumachen, ist eine willkommene Option und keine zwingende Voraussetzung.

WH1350.at gibts weiter und meinen Blog auch. Und ich hoffe, ihr lest weiter mit. Danke an euch alle, die mir die Treue gehalten haben und auf die nächste Dekade!

Ich hatte jüngst überaus überzeugenden falschen Goldlahn erworben und natürlich stehen jetzt einige Projekte auf meiner Liste, die ich immer schon einmal verwirklicht sehen wollte.
Eines davon ist ein goldbroschiertes Filetbändchen/Stirnbändchen, für das ich mich von einem Fund inspirieren hab lassen.

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Heute sprechen wir über Menstruationshygiene im Spätmittelalter!

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Ihr kennt ja schon meine diversen Abenteuer mit der Haarnetz Knüpferei. Das Netz zu knüpfen ist allerdings eher der kleinere Teil davon, ein mittelalterliches Haarnetz zu gestalten. Während es zB in den Londonfunden und auf Abbildungen immer wieder gänzlich unbestickte Exemplare gibt, ist die Masse der noch erhaltenen Netze großflächig bestickt.

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Ja, die Kreativität meiner Titel lässt reichlich zu wünschen übrig, allerdings benutze ich meinen Blog ja auch gern als Recherchereferenz und es hat sich als äußerst lästig für die Schlagwortsuche herausgestellt, wenn der Titel nicht viel zum Inhalt sagt :-D

Hier möchte ich noch ein kleines Webstück vorstellen, das ich für eine junge Darstellerkollegin gefertigt habe.

Einiges zur Belegslage von textilen Stirnbändern (Schapel) habe ich ja in diesem Beitrag hier schon zusammengestellt.

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Ein kurzer Dokumentationsbeitrag für eine kleine Spielerei:

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Ein einfaches Pfoad

29.12.2020 von Rotschopf in Kleidung

Kurz zur Begrifflichkeit: Für das Haupt-Unterkleidungsstück gibt es wirklich unheimlich viele Begriffe. Hemd, Hemed, Wat, Phayt, Phait, Pfoad, Chemise, Smock usw. meinen großteils das gleiche. Typisch Österreichisch ist eben der Begriff Pfait oder Pfoad. Ich benutze hier zur leichteren Verständlichkeit im Text einfach Unterhemd oder Unterkleid. 

Weil ich mein altes langärmeliges Unterhemd über die 8 Jahre, die ich es hatte, ziemlich zerschunden hatte, der Saum matschbraun und die Nähte ausgerissen waren, hatte ich es vor einiger Zeit komplett auseinander genommen und daraus ein ärmelloses Unterkleid mit Stützfunktion gemacht. Dazu hatte ich übrigens gar keinen Beitrag geschrieben, fällt mir gerade auf, wenn ihr aber mehr zur Konstruktion wissen möchtet, könnt ihr hier sehen, wie es gemacht wird.
So hatte ich jetzt für gute 2 Jahre so nur noch meine beiden ärmellosen Unterhemden übrig und die sind zwar in der Hitze toll, aber ein langärmeliges Unterhemd hat schon auch seine Vorteile, vor allem was das Schwitzen angeht, ist es sehr angenehm, wenn da um die Arme alles mit Leinen bedeckt ist unter dem Wollkleid.

Also hab ich das jetzt in diesem Winter nachgeholt.

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Ach komm, einer geht noch für die #pluckingroses Challenge. :-D 

Hier also ein „gemeines Weib“ (oder auch heimliches Weib) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

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Ich konnte nicht widerstehen, eine weitere tolle Textquelle umzusetzen und noch einen Beitrag zur #pluckingroses Challenge zu machen.

Meine Rekonstruktion leitet sich diesmal aus einer Gerichtsakte aus dem Ende des 13. Jahrhunderts ab. Es handelt sich um die Akte einer gewissen Frau Bertolina, genannt „Guercia“ aus Bologna, die wegen Sodomie (also dem, was man damals als unnatürliche Sexualpraktiken verstand) vor Gericht stand. Genaueres über ihre wahrlich faszinierende Geschichte lässt sich in diesem Artikel hier finden. Ich kann die Lektüre wirklich empfehlen, denn Bertolina war wohl eine wirklich ungewöhnliche Frau und meiner Meinung nach ein Bild weiblicher Emanzipation im Mittelalter.

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Drei Lederbeutel

06.12.2020 von Rotschopf in Leder

Man kann ja absolut nicht genügend Beutel haben, um seinen ganzen Hobbykram unterzubringen. Und weil ich grad so viel Zeit habe im Lockdown, konnte ich jetzt auch endlich mal dieses kleine Projekt angehen, das ich mir schon eine Weile vorgenommen hatte, selber Lederbeutel zu machen.

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